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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Aus Landsbergs Vergangenheit
Neumärkische Zeitung   22./23. November 1930

Wie ein leuchtendes, blaues Zelt spannt sich der Himmel übers flache, märkische Land! Nach kurzem, tüchtigem Marsch durch Dickicht und Gestrüpp hat mich mein Weg auf die „Teufelsschanze“ geführt. Auf der höchsten, der alten Wendenschanze, setze ich mich zum Ausruhen nieder. Bei dem klaren Wetter habe ich einen herrlichen Ausblick. Da liegt es zu meinen Füßen, das kleine Städtchen! Goldenes Sonnenlicht übergießt all die roten Dächer und Türme. Wie heimatlich sie mich grüßen! In der Mitte Landsbergs sehe ich den kleinen, traulichen Marktplatz mit der ehrwürdigen Marienkirche. Den Friedhof mit seinen hellen Grabdenkmälern und Grüften umgeben sie. Majestätisch steigt der Turm von St. Marien auf. Ihm gegenüber reckt sich der Blaseturm des stolzen Rathauses ins Blaue des Himmels. Sogar den anmutig plätschernden Brunnen mit dem aufgesetzten Roland kann ich erkennen. Und dort, an der Marktplatz Ecke, liegt die „Lateinische Schule“ mit ihren vielen kleinen Fenstern. Etwas abseits - das Schloß des kurfürstlichen Hofmeisters - am Ufer der Warthe. Da drüben winkt mit ihrem besonders stattlichen Gebäude die Junkergasse. Sie ist Wohnsitz der Rats- und Patriziergeschlechter der Stadt. In ihr liegt auch das Meisterhaus der Tuchmacher. Prächtige Steinmetzarbeiten, in denen das dreiblättrige Kleeblatt nicht fehlt, zieren seine Außenfront. Schützend umgibt die niedere Stadtmauer all die Häuser und Häuschen. Drei Tore führen ins Städtchen. Im Süden das Brückentor, im Osten das Zantocher- und im Westen das Mühlentor. Links vom Zantocher Tore blickt durch herbstliches Laub das Dach der St. Getrudenkapelle. Mein Blick schweift weiter über sich dehnende Ebenen, über märkischen Sand und Sumpf. Südlich vom Brückentor liegen die fruchtbaren Stadtweiden. Ganz weit in der Ferne erkenne ich die Kuhburg, die äußerste Befestigung der Stadt im Süden. Ruhig fließt die Warthe am kleinen, stillen Landsberg vorüber. Wie oft mag sie, die aus Polen kommende, sich über friedliche deutsche Tätigkeit freuen. Außerhalb Landsbergs, hinter dem Mühlentor, ziehen sich an den Abhängen grüne, wohlgepflegte Rebengelände hinauf. Ganz draußen, auf dem Kietz, fristet armes wendisches Fischervolk sein zufriedenes Leben.
Ein Markttag um 1566
Ein strahlender Sommermorgen! Lachend blickt die liebe Sonne auf all die vielen, kleinen Türmchen und Dächer des alten Städtchens. Sie mag sich über das geschäftliche Leben dort unten freuen, denn heute ist ja Markttag! Soeben schlägt es vom Turm 6 Uhr. Da wird’s lebendig auf dem Marktplatz! Bald sind Fleischer und Bäcker in ihren Ständen an der Kirche fleißig bei der Arbeit. An dem Brückentor herrscht auch schon reges Leben und Treiben. Aus den umliegenden Ratsdörfern kommen die Bauern mit ihren beladenen Gemüsekarren in die Stadt. Bäuerinnen in ihren hübschen Trachten mit den geblümten Kopftüchern wollen Eier und Butter feilbieten. Die Torschreiber haben heute viel zu tun. Sie verteilen blecherne Steuermarken an alle Händler, diese müssen sie dann im Orte den Marktmeistern abgeben und ihren Zoll dafür bezahlen. Munter plätschert der alte Brunnen vor der Gerichtsklause am Rathaus. Von drüben grüßt die Rolandsäule, das Wahrzeichen der „Stadtselbständigkeit“. Schon kommen einige Bürgerfrauen mit weißen Hauben auf den Köpfen und den Schlüsselbünden an der Schürze, um auf dem Markte für ihre Wirtschaft einzukaufen, vielleicht auch, um ein Schwätzchen mit der Frau Gevatterin zu haben. Hier wird geredet, daß die Fische zu teuer seien, und dort, daß die Eier nicht taugten. Da schlägt es 9 Uhr vom Turm! Gleich darauf erklingt vom Blaseturm des Rathauses der lutherische Choral: „Erhaltet uns, Herr, bei deinem Wort.“ Der Stadtpfeifer mit seinen 5 Gesellen bläst ihn in den herrlichen Morgen hinaus. Das Treiben auf dem Marktplatz ruht einen Augenblick, und manch einer faltet die Hände zum stummen Gebet. Ein paar Ratsherren schreiten eilig dem Rathause zu. Eine „Morgensprache“ ist angesagt worden. Es soll ein neuer Bürgermeister gewählt werden, denn der alte ist ganz plötzlich gestorben. Wie stattlich die beiden aussehen, und wie die kostbare Samtkleidung zu ihnen paßt! Der eine ist der Obermeister der Tuchmacher, ein angesehener Bürger der Stadt! Nun, was gibt’s denn da? Ein paar klatschsüchtige Weiber stellt man an den Pranger. Die Menge freut sich und ergötzt sich an dem Gekreische der beiden. Da zieht ein Bäuerlein schon, gemütlich seine Pfeife rauchend, wieder seinem Dörfchen zu mit leerem Karren und gefülltem Beutel. Sein vergnügter Blick verrät, daß er zufrieden ist mit seinem Erlös. Vielleicht hofft er, sich nach fleißigem sparen eine zweite Kuh anschaffen zu können.                                                 -L. S.-