Die Hussiten in der Mark und vor Landsberg
Neumärkische Zeitung 17. Juni 1933
Zur Erinnerung an das Kriegsjahr 1433
Von Rektor G. Radeke, Landsberg (Warthe)
Am 6. Juli 1415 wurde der Reformator Johann Huß in Konstanz als Ketzer verbrannt und seine Asche in den Rhein gestreut, damit seine Anhänger nicht zu seinem Grabe wallfahrten konnten, das war das Fanal zu dem nun ausbrechenden furchtbaren Hussiten- Kriege. Die Heere des Kaisers ergriffen vor den wilden, von Glaubensbegeisterung und Deutschenhaß aufgepeitschten Horden der Böhmen die Flucht. Die Führung des Heeres hatte der Kaiser seinem Freunde, dem Kurfürsten von Brandenburg, übertragen, dem nun der wilde Haß der Feinde galt, und wiederholt wurde die Kriegsfackel in sein Land geworfen.
1429 wurde die Stadt Guben erobert und das dortige Jungfrauenkloster eingeäschert. Dann wurde das Kloster Neuzelle überfallen und ausgeplündert. Der Abt Petrus und sämtliche anwesenden Ordensgeistlichen büßten ihr Leben ein. In die Klostergebäude und in die Kirche wurde der Feuerbrand geworfen; aber ein Laienbruder, der sich auf dem Kirchboden versteckt hatte, rettete das Gotteshaus, indem er das Feuer aus Wasserkübeln, die dort oben stets bereitgehalten wurden, immer wieder löschte.
1432 erfolgte ein neuer Einfall, von dem aber die Neumark wieder verschont blieb. Die Feinde rückten längs der Oder vor bis Frankfurt. Die Gubensche Vorstadt ging in Flammen auf, alle weiteren Angriffe jedoch wurden abgeschlagen. Ein Teil des Heeres wandte sich gegen Pommern, der andere Teil blieb unter Führung des wilden Koska in der Mark. Dieser Heerhaufen plünderte Lebus, legte Müncheberg in Asche, verwüstete Strausberg und Alt- Landsberg und erschien am 22. April vor Bernau, trotz der heftigsten Angriffe konnte die Stadt nicht erobert werden. Die Bürger, Weiber und Kinder wußten, es ging ums Leben. Mit heißem Brei wurden die wagemutigen Stürmer empfangen. Als die Angriffskraft gebrochen war, wagten die tapferen Bürger selbst einen Ausfall, die Überrumplung gelang und der Feind wurde gänzlich geschlagen. Mit reicher Beute kehrten die Sieger unter dem Jubel der Bewohner zurück. Zur Erinnerung an diese Ruhmestat feiert Bernau alljährlich das „Hussitenfest“.
Das furchtbare Jahr 1433 brachte der Neumark den längst befürchteten Einfall der Hussiten. Die Neumark gehörte damals dem Deutschen Ritterorden. Weite Gebiete aber und die Burg Zantoch waren Eigentum des Johanniter Ordens. Beide Orden standen keineswegs in freundschaftlichem Verhältnis. Die Hussiten hatten mit dem König von Polen ein Bündnis geschlossen, als Preis winkte diesem die Krone Böhmens. In der Neumark wußte man, daß alles darauf ankam, Zantoch als Schlüsselstellung in verteidigungsfähigen Zustand zu setzen, weshalb der Ordensvogt mit dem Ordensmeister der Johanniter Verhandlungen gepflogen hatte. In Gegenwart neumärkischer Ritter fand zwischen dem Ordensvogt und dem Kothur Bernhard Brucker, der das Zantocher Schloß befehligte, in der Nähe der Burg eine Unterredung statt. Da die Burg nur schlecht befestigt und auf den Komthur wenig Verlaß war, hatten sich die Ritter erboten, die Feste zu besetzen. Der Komthur aber lehnte ab und betonte, das wäre nicht nötig. Er verpfände sein Seelenheil, die Feste halten zu wollen, er selbst würde sie lieber verbrennen, als in polnische Hände fallen zu lassen. Was man befürchtet hatte, traf ein. Vor der Burg lagen bereits polnische Scharen, auf den Augenblick wartend, sich derselben zu bemächtigen. Am 4. Juni fiel Zantoch durch Verrat des Schloßhauptmannes in die Hände der Polen ohne Schwertstreich. Zum Dank blieben die Besitzungen der Johanniter von den Plünderungen verschont, aber die Neumark war damit den Scharen der Feinde preisgegeben, die nun erbarmungslos alles verwüsteten.
Die Hussiten standen unter der Führung des Hauptmanns Johann Czapko von Saan, die Polen unter der des Woywoden von Posen Sandziwog von Ostrorog. Obwohl man mit dem Einfall der Feinde längst gerechnet hatte, war das Land doch völlig ungerüstet, allerdings ohne Schuld des Vogts. Seine dringenden Hilferufe verhalten umsonst. Dem Orden fehlten jegliche Mittel. Die von den Ständen bewilligten Kriegssteuern gingen im Lande nicht ein, sei es aus Armut, Unmut oder gar Widerspenstigkeit. Die Schlösser zu Driesen, Schivelbein und Küstrin waren schlecht ausgerüstet, spärlich mit Wehren und Waffen versehen und auch nur schwach bemannt. Die Mannschaft bestand aus Söldnern, auf die kein Verlaß war. Sie drohten davonzulaufen, da das Geld ausblieb. So konnte der Feind ungehindert vordringen, alles vernichtend und niederbrennend, überall Gräueltaten an Kirchen, Klöster, Frauen, Jungfrauen und Kindern verübend. Schon der bloße Anblick der Hussiten verbreitete Furcht und Schrecken, es waren wilde Gestalten, deren Kriegsgeheul die Luft erschütterte. Sie waren in Bärenhäute, Schafspelze und verschiedenenartige Panzergerüste gekleidet. Das Haar hing wild aufgelöst unter Eisenkappen oder Pelzmützen herunter, die mit Hahnenfedern, Flügeln, Pfauenfedern usw. besetzt waren. Nasenschienen und metallene Ohrenklappen gaben den zerhackt erscheinenden Gesichtern ein schreckhaftes Aussehen. Als Waffen dienten die gerade gebogenen Sensen und die nach Art der Morgensterne mit Stacheln besetzten Dreschflegel. Bei einem Sturm traten zunächst Pfeil und Bogen in Tätigkeit. Dann wurden Sturmleitern angelegt, an denen es wie Katzen hinaufging.
Das gesamte Heer der Hussiten und Polen bestand aus etwa 700 Reitern, 7000 bis 8000 Mann Fußvolk und 350 Wagen. Diesem Heer konnte der Vogt nur unbedeutende und schlechtgerüstete Kräfte entgegenstellen. Einen offenen Kampf konnte er überhaupt nicht wagen, er mußte sich darauf beschränken, die festen Orte zu halten und dem Feinde den Unterhalt abzuschneiden. Noch ehe die Hussiten einrückten, unternahm der Vogt von Landsberg aus einen Streifzug über die Warthe nach Polen und verwüstete mehrere Tage lang die Umgebung von Meseritz. Die im Osten gelegenen Schlösser, die nicht zu halten waren, wie Lagow, Tempel, Burschen, wurden ausgebrannt. Dann warf sich der Vogt mit 1000 Reitern nach Landsberg.
Von Zantoch aus wandten sich die Hussiten zunächst nach Friedeberg. über das Schicksal der Stadt berichtet C. Treu in seiner Geschichte der Stadt: „In unsere Stadt hatte der Ordensvogt einige adlige Söldner gelegt. Als aber in den ersten Tagen des Juni 1433 die Schreckenskunde kam, die wilden Horden der Hussiten wären zusammen mit den Polen über die Warthe gekommen und im Anmarsch auf Friedeberg, da flüchteten die meisten Reisigen zu Fuß und zu Rosse feige aus der Stadt und überließen es den Bürgern, die Mauern allein zu verteidigen. Die Hussiten rückten heran, der Sturm begann, aber siegreich wiesen ihn die Bürger ab. Einen langen Tag und eine schlaflose Nacht wehrten sie sich tapfer und erfolgreich gegen den andringenden Feind. Da verlegten sich die Belagerer auf eine List, sie knüpften Verhandlungen mit der Bürgerschaft an, mit der Absicht, diese in Sicherheit zu wiegen. Während aber die Waffen ruhten, gingen sie behände daran, nach einer ihnen sehr geläufigen Art die Mauer, die, wie wir wissen, nicht tief in den Grund gesetzt ist, sondern oben auf den Wällen ruht, zu untergraben. Unversehens drangen sie in die Stadt ein und richteten ein furchtbares Blutbad an. Nur wenige Diener des Ordens gelangt es, sich durchzuschlagen. Die Bürger und Söldner aber wurden erschlagen, an den Frauen und Kindern grausame Mißhandlungen verübt, die Häuser, die damals hölzern waren, in Brand gesteckt. Mit besonderem Hasse wüteten die Horden gegen die Geistlichkeit, die Kirche ging in Flammen auf. Den Pfarrer stießen sie mit dem Haupte in eine Teertonne und verbrannten ihn dann zugleich mit Ketzern, die ihnen entlaufen waren, und mit dem Prior des Augustinerklosters. Das Klostergebäude äscherten sie ebenfalls ein, zehn Mönche schlugen sie tot. Ein Gegenstand fiel der Feuersbrunst nicht zum Opfer, die wichtige Urkunde Friedebergs: Die Handfeste der Stadt. Schlaue Polen stahlen sie rechtzeitig, hinterlegten sie mit den ebenfalls geraubten Handfesten von Woldenberg und Soldin in Punitz (Provinz Posen) und boten sie nach Jahren dem Hochmeister Konrad von Erlichshausen gegen gutes Entgelt zum Kaufe an.
Auch Woldenberg fiel, und zwar durch Verrat eines Söldners, in die Hände der Hussiten und erlitt dasselbe Schicksal wie Friedeberg. Das offene Land umher wurde ebenfalls verwüstet, „geschunden“ und ausgeraubt; besonders das Kloster Marienwalde ward schwer heimgesucht, so daß es noch acht Jahre später das Unheil nicht verwunden hatte. Groß war die Zahl der armen Opfer, die in die polnische Gefangenschaft geschleppt wurden, in der sie viele Jahre in furchtbarem Elend schmachteten. Durch das Schicksal Friedebergs gewarnt, waren die Bewohner Soldins in den Zehdenschen Winkel nach Königsberg zu geflohen. Ebenso hatten sich die Leute aus Lippehne, Bärwalde und Schönfließ in die dichten Wälder geflüchtet. Die Städte gingen in Flammen auf. Vor Königsberg hielten sich die Hussiten nicht lange auf. Bereits am folgenden Tage, am Sonntag Johannis (21. Juni) zogen sie wieder ab, nachdem sie eingesehen hatten, daß es unmöglich sei, die Stadt im Sturm zu nehmen. Langwierige Belagerungen gehörten nicht zu ihrer Kampfesweise. Voll Freude über diese glückliche Errettung veranstaltete der Rat und die Gewerke eine große feierliche Prozession und beschlossen, dieselbe alle Jahre zu wiederholen. Arnswalde rettete sich durch eine kluge Tat vor dem Schicksal der Nachbarstädte, sie wandte sich vom Orden ab und unterstellte sich freiwillig dem Herzog von Pommern Stolp. Weder Bitten noch Drohungen des Ordensvogts vermochten die Stadt von ihrem Vorhaben abzubringen. Der Herzog besetzte tatsächlich Arnswalde, das erst 1436 dem Orden wieder zufiel. Von Königsberg zogen die Hussiten dann durch Pommern in das Ordensland selbst. Inzwischen hatte sich ein anderer Heerhaufen gegen Landsberg gewandt, das der Vogt noch vor dem Herannahen der Feinde verließ, um die nördliche Neumark zu schützen. Am 9. Juni langten sie vor der Stadt an und belagerten sie bis zum 15. Juni. Der Feind kam von Osten her über Wormsfelde und Stolzenberg und lagerte wahrscheinlich auf den Schanzen vor dem Zantocher Tor. Eine Überrumplung gelangte nicht, ein Sturm war...