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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Bilder aus dem alten Landsberg.
Neumärkische Zeitung    2. August 1929

Jahre kommen, Jahre gehen, Menschengeschlechter wachsen empor und sinken ins Grab. Von dem, was einst war, was einst groß und mächtig blühte, sind nur ein paar Zeichen, oft nur Trümmer und Ruinen übrig geblieben. Und was wir Heutigen bauen und errichten, worauf wir stolz sind, darüber wird einst unsere Nachkommenschaft mit einem Lächeln hinweggehen und wird nicht begreifen können, warum die Menschen von 1929 so unpraktisch waren, sich das Leben so schwer machten.
Schrauben wir die Zeit einmal um zwei Jahrhunderte zurück. wie sah Landsberg damals aus, was machten seine Bewohner, womit beschäftigten sie sich? Wenn es möglich wäre, das Landsberg von 1700 noch einmal erstehen zu lassen, würden wir doch wohl einen kleinen Schreck bekommen. Keine großen Geschäftshäuser, kein Straßenpflaster, keine Straßenbeleuchtung. Vor den Häusern Dunghaufen und verendetes Vieh, die die Luft verpesten und ewig mit Seuchen und den furchtbarsten Krankheiten die Bevölkerung bedrohten. Rings um die Stadt eine Mauer mit Toren und Türmen, nach der Warthe zu waren die Mauern niedriger als nach der offenen Landseite. Vor der Stadtmauer gab es bereits Vorstädte. Da war die Zantocher Vorstadt mit 17 Häusern, da gab es den Kietz mit 19 und die Mühlenvorstadt mit 41 Häusern und schließlich die Brückenvorstadt, die durch eine Holzbrücke über die Warthe mit der Stadt verbunden war, mit 22 Häusern. Von dem Ratsvorwerk Altensorge gelangte man auf einen Damm, der durch das Warthebruch führte, in die Stadt. Den Damm mußte zum größten Teil die Stadt unterhalten; die Herren Stadtväter mögen oft unter der Last der Kosten, die er mit seinen „nur“ 32 Brücken verursachte, geseufzt haben. An dem Damm lag eine Burg, ein Zufluchtsort für die Hirten und ihre Herden gegen räuberische Überfälle aller Art. In der Nähe der Burg stand eine alte Eiche, unter der einst der Schwedenkönig Gustav Adolf seine Zelte aufgeschlagen haben soll. Wer in die Stadt hineinwollte, mußte zuvor den Brücken- und Dammzoll entrichten. Inmitten der Stadt, auf dem Marktplatz, standen die beiden bedeutendsten Gebäude, das alte Wahrzeichen, die Marienkirche und das Rathaus. aus dem Innern der Kirche sei das Gestühl erwähnt, das Reich geschnitzt und mit Apostelbildern verziert war. Eines der Bilder trug die Gesichtszüge eines Landsbergers, nämlich des Apothekers Joachim Kaßner, der das Gestühl der Kirche geschenkt hatte. Die Kanzel war eine Stiftung der Witwe Sophie von Doebenitz in Stennewitz. Die Orgel war mit geschnitzten Blumen verziert. Nach ihrer 1709 erfolgten Reparatur enthielt sie 36 Register. Der Turm, 1621 erbaut, hat wiederholt dem Blitz standhalten müssen. Der schwerste Schlag traf ihn am 16. Mai 1706. Das Dach wurde zerschmettert, das Mauerwerk gespaltet, die Bleifassungen der Fenster schmolzen, aber ein Feuer entstand glücklicherweise nicht.
Das Rathaus hatte zwei Stockwerke. Trat man durch den Haupteingang, so befand sich links das Archiv, rechts die Akzisestube und dahinter der „bürgerliche Gehorsam“. Im ersten Stock waren die Haupträume, die Rats- und Audienzstuben, die Gerichtsstube und ihr gegenüber, der Eingang zum großen Bürgersaal, gekrönt mit dem Stadtwappen. Der Saal diente zu öffentlichen Versammlungen der Bürger, die zu ihm auf einer besonderen Treppe vom Markte aus gelangten. Über der Ratsstube erhob sich auf dem Gebäude ein Turm, von dessen Galerie die Stadtmusikanten täglich „abbliesen.“ In den Kellerräumen war der Ratskeller untergebracht, weiter gab es dort das Delinquentengefängnis und ein besonderes Gefängnis für die Bauern der Ratsdörfer, wenn sie ihren Verpflichtungen nicht nachkamen. Die Stadt wurde vom Rate patriarchalisch verwaltet, er setzte sich 1712 aus folgenden Personen zusammen: Bürgermeister Martin Zoebe, Prokonsul Severus Weinrich, Stadtrichter Konrad Schade, dem vierten Bürgermeister Heinrich Trist. Zu den Stadtvätern gehörte: Caspar Granen, ältester Ratsmann und Ratskämmerer Melchior Hartmann, Postmeister Dietrich Rettel, Kaufmann David Halmann, Supernumerare waren Kaufmann Heinrich Moesse, Christian Bierhufe, Mühlenschreiber Rittner, Akziseneinnehmer Gerlach und Stadtsekretär Trojanus. Die Stadt besaß die obere und niedere Gerichtsbarkeit, der Rat war somit auch ordentlicher Gerichtshof. Die Einwohnerzahl betrug am 23. Dezember 1709 rund 5000 Köpfe.
Das Handwerk hat bekanntlich von jeher  in Landsberg in großer Blüte gestanden. Von den einzelnen Handwerkern marschierten selbstverständlich die Tuchmacher mit allein rund 100 Meistern an der Spitze. Die übrigen Hauptgewerbe waren Schuhmacher, Bäcker und Fleischer, daneben wurde fleißig gebraut und Landwirtschaft und Viehzucht getrieben. Dreimal in der Woche, nämlich Dienstag, Donnerstag und Sonnabends wurde Markt abgehalten, ferner gab es vier Jahrmärkte und jährlich drei Wollmärkte. Das Holz zum Bauen, Kochen und Heizen durften sich die Bürger kostenlos aus der Stadtheide Altensorge und aus dem Bruch holen, ja sie durften das Holz sogar weiterverkaufen, mußten dann aber eine geringe Entschädigung zahlen.
Die Zeit ist dahingegangen, das Landsberg von einst ist nicht mehr. Nur die Marienkirche hat Monde und Jahre überstanden, sie sah, wie langsam die Stadt empor blühte, wie die Straßen gepflastert wurden, wie man Laternen aufstellte, wie das Dampfroß zum ersten Male in Landsberg hielt. Sie sah die Menschen, wie sie als kleine Kinder auf den Straßen spielten, als Männer und Frauen auf der Höhe des Lebens schafften und arbeiteten, und sie sah die Menschen gehen. Wenn die Marienkirche erzählen könnte, was würde das für eine Predigt sein, groß und gewaltig, wie nie jemand gepredigt hat. Und, ist es nicht merkwürdig, daß gerade die Marienkirche Jahrhunderte überdauerte?   Fra.