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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
675 Jahre Stadt Landsberg a.W.  (1. Teil)
Neumärkische Zeitung      2.Juli 1932

Fast genau 25 Jahre nach der Gründung der Nachbarstadt Küstrin, am 2. Juli 1257, also vor genau 675 Jahren, wurde unser Landsberg (Warthe) von Kurfürst Johann von Brandenburg gegründet. Aus Anlaß des 675. Geburtstages der Stadt Landsberg (Warthe) veröffentlichen wir nachstehend einen Aufsatz aus der Feder des Stadtarchivars Buchholz. „Über die Gründung und erste Entwicklung der Stadt Landsberg“, in dem der Verfasser zum Teil neues und noch völlig unbekanntes Material über die Gründung Landsbergs verarbeitet hat.
Die Gründung der Stadt Landsberg (Warthe) führt uns in jenen bewegten und kraftvollen Zeitabschnitt der deutschen Geschichte zurück, den wir als mittelalterliche Kolonisation zu bezeichnen pflegen. Neben Landmangel und politischen Kämpfen war ein fast überall verbreitetes „Auswanderungsfieber“ die Triebfeder dieser Bewegung. So ergossen sich denn vom 12. Jahrhundert an zahlreiche, Hunderttausende umfassende deutsche Auswanderungswellen über die Ostgrenze des Reiches in die damaligen Slawengebiete, hauptsächlich in zwei großen Zugrichtungen in der Richtung auf Krakau, Lemberg und längs der Ostsee.
Die Neumark lag etwas abseits dieser Hauptrichtungen. Fast allgemein wird diese Tatsache in Beziehung gesetzt zu ihrem landschaftlichen Charakter, der angeblich außerordentlich wald-, sumpf- und moorreich gewesen sein soll, also erhebliche natürliche Hindernisse ausgewiesen hätte, und im Zusammenhang damit zum erklärbaren Fehlen größerer Straßenzüge. Diese Ansicht ist in dieser Allgemeinheit nicht haltbar. Schon heute lassen sich die damaligen Waldgebiete trotz des Fehlens fast aller schriftlichen Nachrichten langsam herausschälen. Auch die Sumpf-, Wasser- und Moorgebiete erkennen wir bereits einigermaßen. Beide Landschaftsgestaltungen hängen mit den Klimaverhältnissen, Schwankungen und Änderungen innig zusammen, über die wir gleichfalls im letzten Jahrzehnt schon die grundlegendsten Beobachtungen sammeln konnten. In der Zeit der slawischen Einwanderung in unsere Heimat und der anschließenden Einwanderung in unsere Heimat und der anschließenden Slavenherrschaft, selbst in deren letztem Unterabschnitt (11. bis 13. Jahrh.) fehlt es keineswegs an besiedlungsfähigem Lande, sind die eine gut und bequeme Führung von Durchgangsstraßen hemmenden Faktoren, Wald, Sumpf und Wasser, keineswegs so zahlreich und umfangreich, daß Verkehrstraßen notwendig weggedacht werden müßten. Infolgedessen sind die slavischen Siedlungen auch zahlreicher, als man früher glauben wollte. Dann müssen aber zwischen den größeren Siedlungen Verbindungswege bestanden haben. Ja, wir können ohne Bedenken noch einen Schritt weitergehen; Selbst über den Rahmen der denkbar einfachsten Kommunikationswege benachbarter Siedlungen mit rein örtlichem Charakter hinausragende wirkliche Verkehrsstraßen waren in spätslavischer Zeit in der Neumark schon vorhanden. Sie gehen fast ausnahmslos zurück auf uralte, weit in die vorgeschichtliche Zeitabschnitte zurückreichende und schon zu Beginn der Frühesten Eisenzeit (um 800 v. Chr.) fest ausgebildete Handelswege. Zweifellos haben sie die Slaven bei ihrem geräuschlosen und friedlichen Eindringen in das so gut wie völlig von Germanen verlassene Land vorgefunden, benutzt - dadurch erklärt sich zwanglos der verhältnismäßig schnelle erste slavische Vorstoß - und dann auch erhalten. So wichtig die Betrachtung der während des Mittelalters vorhandenen Verkehrswege zur Beurteilung des Kolonisationsvorganges und der anschließenden beiden Jahrhunderte auch ist, so würde es doch an dieser Stelle zu weit gehen, auf die mannigfachen Fragestellungen einzugehen und das erforderliche umfangreiche Belegmaterial meiner langjährigen Forschungen auszubreiten; nur das Ergebnis will ich wegen seiner Wichtigkeit und Neuheit ganz kurz hervorheben.
Schon für die spätslavische Herrschaftsperiode haben wir einen wichtigen Straßenzug anzunehmen, der die Neumark hart nördlich der Warthe und unmittelbar längs des Steilabfalls des Hochplateaus, also von Westen nach Osten, durchquert. Er führt von dem schon in vor- und frühgeschichtlicher Zeit wichtigen Völkerpaß Küstrin zu dem in der Slavenzeit gleichfalls bedeutenden Paß von Zantoch. Diese „Fernverkehrstraße“ wird an der Stelle der heutigen Stadt Landsberg von einer anderen fast rechtwinklig geschnitten, die die Neumark von Norden nach Süden durchläuft und sich vermutlich schon früh mehrfach gabelte. Pyritz, Stettin, Stargard, wohl auch Kolberg sind die großen Mittelpunkte, denen der Nordweg, Schwerin, Meseritz und Frankfurt diejenigen, denen der Südweg dieses Straßenbündels zustrebte. Wie weit daneben etwaige Nordsüdstraßen über Zantoch und Küstrin Bedeutung besaßen, kann hier unerörtert bleiben. Eine irgendwie erhebliche politisch- militärische Bedeutung hat anfangs allerdings der damalige Landsberger Straßenkreuzungspunkt, dessen slavische Bezeichnung uns noch nicht einmal überliefert ist, vermutlich nicht besessen. Solange zwischen Pommern und Polen Ruhe und Frieden herrschte, lag der Platz zwar in der allgemeinen Randzone, stellte er aber keinen besonders exponierten Posten dar. Die natürliche Sicherung, Wasser und Sumpf, die ihn umgaben, mag ausreichend gewesen sein; vielleicht kam auch schon frühzeitig ein geringer künstlicher Schutz, eine Art Heckelwerk dazu. Wir wissen bisher darüber nichts Sicheres. Wichtiger waren die Außenposten, vor allem Zantoch, das deshalb auch schon früh ausdrückliche schriftliche Erwähnung findet. Zur Erhöhung der Wehrhaftigkeit dieser wichtigen Feste, deren Verteidigung auch eine ständige größere Besatzung erfordert, wird Zantoch daher der Kastellaneisitz des Gebiets und nicht Landsberg. Zantoch ist zu Beginn wie zum Schluß der spätslavischen Zeit der eigentlich politische, militärische, verwaltungsmäßige und dann auch kirchliche Mittelpunkt des in askanischer Zeit Terra Landsberg genannten Gebietes. Bis zum Jahre 1257 bleibt das Landsberger Stadtgebiet selbst Zantoch gegenüber an Bedeutung weit zurück, ist es kein Mittelpunkt der Landschaft, bleibt sein Name sogar uns verborgen. Trotzdem scheint sich schon in diesem letzten Zeitabschnitt eine gewisse Änderung der Verhältnisse mindestens nach einer Richtung, der militärischen angebahnt zu haben. Diese Jahrzehnte sind angefüllt mit sich immer wiederholenden heftigen Kämpfen zwischen den slavischen Nachbarstaaten Pommern und Polen. Damals entstanden am östlichen Rande der sich nördlich der Warthe steil erhebenden Hochfläche westlich des heutigen Dorfes Wepritz drei sicherlich wichtige Burgwarten, deren östlichste die umfangreichste Burganlage darstellt. Alle drei beherrschen die Ostweststraße Küstrin - Landsberg. Wer sie errichtete, gegen wen sie schützen sollten, ergeben die schriftlichen Quellen jener Zeit nicht. Am nächsten liegt die Annahme, daß die Pommern sie zur Abwehr polnischer Vorstöße anlegten. Sie scheinen mir hineinzugehören in ein größeres Verteidigungssystem, von dem uns im Übrigen bisher kaum nennenswerte Reste bekannt geworden sind, das sich auch nur unmittelbar erschließen läßt. Seine Außenposten sind Küstrin im Westen und Zantoch im Osten. Einen Teil der Mittellinie bildet Landsberg, das spätestens damals eine stärkere Holzerdebefestigung, eine feste Burg zur Deckung des Straßenüberganges über die Warthe erhalten haben dürfte.
Wehrhaften Charakter, wenn auch von weit untergeordneter Bedeutung haben auch die slavischen Dorfsiedlungen, die sich längst der Verkehrsstraße perlschnurartig aufreihen. In diesem Spätabschnitt, in dem den Pommern ein ständiges Halten ihrer Südgrenze nicht mehr gelingen will, in dem der Schlüsselpunkt Zantoch fast Jahr für Jahr heiß umstritten wird und fast ständig den Herrn wechselt, muß der Landsberger Burg und Straßenkreuzung zweifellos eine erhöhte militärisch- politische Bedeutung zugekommen sein, wenn uns auch urkundliches Material hierüber nicht überliefert ist. Trotz all dieser Vorgänge bleibt Zantoch Kastellaneiort.
Folgt man diesen, noch nirgends näher erörterten Erwägungen, so erscheint es nicht sonderlich eigenartig, wenn sich nicht allein die Augen der kämpfenden slavischen Parteien auf diesen Übergangspunkt über die Warthe, dessen Bedeutung neben den außerdem allein noch bestehenden Übergängen von Küstrin und Zantoch erst jetzt deutlicher wurde, richteten, sondern wenn auch gleichzeitig die sie scharfbeobachtenden Nachbarn, vor allem die weit vorausblickenden Askanier, auf ihn aufmerksamer wurden. Dem wäre auch so, wenn die Landsberger berührende Nord- Südstraße gegenüber den gleichgerichteten Straßenzügen über Küstrin und vor allem Zantoch an Bedeutung erheblich nachgestanden hätte.
Nunmehr erscheint die Auswahl des Platzes für die Anlage der deutschrechtlichen Stadt Landsberg (Warthe) durch den askanischen Markgrafen Johann in hellerem Lichte, ist das Versprechen der Gewährung der Niederlagsgerechtigkeit an die Bürger jener neuen Stadt eine verständlichere Maßnahme. Erst die Betrachtung der allgemeinen Siedlungsverhältnisse, die bisher regelmäßig außeracht gelassen wurden, gibt uns unter Berücksichtigung der politischen und militärischen Lage den Schlüssel des Verständnisses in die Hand. Die Schilderung der allgemeinen politischen Lage kann hier unterbleiben, da sie in der Literatur mehrfach und eingehend behandelt wurde und neue wichtige Gesichtspunkte nicht zu erörtern sind. Nur einiges soll hier herausgehoben werden. Das erste und wichtigste Ziel askanischer Erweiterungspolitik, das den Markgrafen wohl schon vorschwebte, als sie den ersten Fuß in das Land über der Oder , in die heutige Neumark, setzten, war die Gewinnung der Grenzfeste Zantoch, des Schlüssels zum polnischen Reich. Da sie dies Ziel nicht so schnell erreichen konnten, mußte das bis 1257 schon askanisch gewordene Land der nordwestlichen Neumark und der Zielenziger Gegend anderweitig abgeriegelt werden. Derselbe Schritt erschien auch geboten zur Sicherung des Landgebietes, das zwar noch nicht askanisch war, das sich aber schon in festem deutschen Besitz befand, also der westlichen Teile des die Sternberger Landschaft mit umfassenden Landes Lebus und des Küstriner Templergebietes. Auf den Erwerb beider genannten Landschaften war schon damals die zielbewußte Politik der Askanier gerichtet; er konnte ihnen auch bereits als  baldigst und sicher bevorstehend erscheinen. Wichtig mußte die Abriegelungsmaßnahme ferner für eine spätere, gleichfalls sicherlich schon beabsichtigte Erwerbung des Soldiner Gebiets und der sich anschließenden östlicher gelegenen Landschaften sowie vor allem des südöstlichen Teiles der Kastellanei Zantoch erschienen. Konnte man Zantoch nicht in die Hand bekommen, so mußte unbedingt an der Landsberger Übergangs- und Kreuzungsstelle die Abriegelung vorgenommen werden. Wichtige militärische Bedeutung besaß sie aber in den Augen der Markgrafen auch für den Fall einer späteren etwa notwendig werdenden kriegerischen Auseinandersetzung mit dem streitbaren Magdeburger Mitbesitzer des Landes Lebus, das, falls man neben dem schon askanischen Frankfurt auch Küstrin erwarb, von diesen Stellen aus in die Zange genommen werden konnte. Hatten die Askanier Landsberg in der Zange konnten sie zunächst und selbst auf längere Zeit des Besitzes der Feste Zantoch entraten, konnten sie von Landsberg aus die Umgebung Zantochs jederzeit kontrollieren und leicht in den Südosten der Kastellanei vordringen. Diese Aufgabe einer ständigen Kontrolle und Bedrohung der wichtigsten Paßfeste Zantoch konnte aber am zweckmäßigsten gelöst werden durch die Anlage einer Stadt deutschen Rechts, d.h. einer umfangreichen Festung mit den verhältnismäßig zahlreichen Verteidigungskräften der Bürger, in deren Nähe und unter deren Schutz zudem deutsche Dörfer mit einer zahlreichen Bauernbevölkerung und oft mehreren Rittersitzen leicht anzusetzen waren. Das mögen etwa die politischen Erwägungen gewesen sein, die die Askanier hegten, als sie zur Gründung Landsbergs als Stadt deutschen Rechts schritten. Von vornherein war der Platz also gleichzeitig gedacht als Mittelpunkt des ihn umgebenden Vogteibezirks, als politischer und verwaltungsmäßiger und vor allem auch wirtschaftlicher  Mittelpunkt desselben. Nur wenn das Unternehmen eine kräftige wirtschaftliche Grundlage besaß, konnte e s als zunächst äußerster südöstlicher Vorposten der ihm gestellten militärisch- politischen Aufgabe gerecht werden. Je wohlhabender die Bürger der neuen Stadt zu werden versprachen, desto höher stieg schon darum sein militärischer Wert, desto mehr Anziehungskraft mußte es auf Auswanderungslustige ausüben, desto volkreicher und wehrfähiger mußte die Stadt werden. Hier liegt die Wurzel für den Bestand und den Aufstieg der Warthestadt in den späteren Jahrzehnten, aus denen uns wiederholt heftiges Kampfgeschrei entgegentönt. Nur so erhalten wir den rechten Blickpunkt, der uns die bevorzugte Behandlung Landsbergs bei seiner Gründung verstehen läßt.
Am 2. Juli 1257 wurde die Gründungsurkunde für Landsberg von Markgraf Johann I. in Stolp ausgestellt. Aus dem Gesichtspunkt der militärischen Sicherung des ganzen Vogteibezirks und seines Hinterlandes, der alle Erwägungen weit überragt, entspringt die in der Gründungsurkunde enthaltene Zusage Johannes, die Stadt bis zum 11. November, also noch vor Beginn des Winters, mit Planken und Querbalken selbst zu befestigen, späterhin mit besseren Planken und Gräben. Diese gänzlich ungewöhnliche fürstliche Zusage läßt sich vielleicht am ehesten so erklären, daß es Johann in erster Linie auf die Gewißheit ankam, daß hier in kürzester Frist eine wirklich wehrhafte und umfangreiche Festungsanlage entstand, daß ihre Ausführung bis in die kleinsten Einzelheiten allein seiner oder seines Vertreters Kontrolle und Anordnung unterstand, also weniger in der Richtung der geldlichen Entlastung der Bürgerschaft der neuen Stadt lag, wenn auch die äußere Einkleidung, der Wortlaut, zunächst darauf hindeuten könnte.