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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Der Wassereimer hoch in Ehren!
Neumärkische Zeitung   16. Februar 1929

Von hoffentlich vergangener Kälte, eingefrorenem Allerlei und anderem mehr.
Um es gleich zu sagen: Sibirien ist uns Landsbergern kein fremder Begriff mehr. Seit 14 Tagen nicht mehr. Wir haben es auch nicht nötig, nach dem Nordpol zu fahren, um festzustellen, was 30 Grad Kälte bedeuten. Uns sind 30 Grad unter Null ein geläufiger Begriff geworden, und wenn damit nicht eine so lausige Kälte verbunden wäre, dann würden wir weiter nichts empfinden als die Genugtuung, daß wir sogar unseren Großeltern über sind; denn sie haben eine solche Kälte nicht erlebt. Beweis: die Statistik! Sie ist über 150 Jahre alt und lügt nicht. Nicht etwa, weil sie so alt ist, sondern weil eben eine Statistik niemals lügt! An und für sich ist ja solch eine lausige (der Leser entschuldige bitte den Ausdruck; aber was wahr ist, ist wahr!) Kälte eine sehr unangenehme Geschichte. Aber nicht immer! Haben sie, verehrter Leser, schon einmal gesehen, wenn sich bei minus 30 Grad zwei gute Bekannte treffen? Sagen wir mal, auf der Warthebrücke? Sie kommen dahergerannt (Tempo „Straßenbahn“, evtl. auch etwas schneller), sehen sich , reißen die behandschuhten Hände aus den Taschen, reiben Ohren und Nase (nicht etwa gegenseitig wie die Eskimos, obwohl ich nichts dagegen hätte, wenn ich ein junges Mädchen treffen würde!), trampeln wie besessen mit den Beinen, sagen gewöhnlich: „Lausige Kälte!“ (ausgerechnet) und traben wieder im Eiltempo davon! Ist so etwas nicht herrlich?
Oder beobachten sie mal den jungen Mann, der es so eilig hat, daß er die Straßenbahn benutzt - was man ja, ganz im Vertrauen gesagt, gewöhnlich nicht tut. Weil drinnen alles besetzt ist, steht er draußen auf der Plattform, von der Kanalbrücke bis zur Kaserne. Wenn der da oben abspringt, was meinen sie, was der schimpft über die Kälte! (auch über die Straßenbahn natürlich); der radikalste Reichstagsredner ist gegen ihn ein schüchternes Mädchen. Ist das nicht zum Totlachen?
Am meisten freuen sich die Kinder über die Kälte! Die Leitungen sind eingefroren, es gibt also kein Wasser, und die Folge davon ist, daß sie sich nicht zu waschen brauchen. Die Gymnasiasten haben noch eine Extrafreude gehabt; weil nämlich auch die unerläßlichen kleinen Häuschen - Sie wissen schon! - eingefroren waren, fiel die Schule ein paar Tage  lang aus. Ein paradiesischer Zustand war das!
Keineswegs aber für die um das Wohl ihrer Familie besorgte Hausfrau. Sie, die den Begriff „Wassereimer“ nur noch vom Hörensagen kannte - als moderne Frau! - , sieht sich genötigt, mit dem Wassereimer, wie in der guten alten Zeit, über die Straße oder nebenan zum Nachbarn zu laufen, um für ein gutes Wort und vielleicht für ein kleines Geldstück einen Eimer Wasser einzuhandeln, morgens, mittags und abends und dazwischen auch noch ein paar Mal. Manch einer, den das Wassergeld immerzu hoch war, staunt, was er so den Tag über braucht. Und damit nicht genug! Die brave Hausfrau, die es den ihren immer gern mollig im Hause machen will, kann gar nicht so viel heizen, wie es nötig ist. 30 Grad Kälte zu bekämpfen, ist eben fast unmöglich! Sie weiß ein Lied davon zu singen, besonders dann, wenn der Ofen nicht so heizt, wie er soll. Gewöhnlich gibt’s dann immer Krach. Der gestrenge Eheherr will in seiner Behausung nicht frieren, schlägt mit der Faust auf den Tisch und geht in die Kneipe. Der älteste Sohn fühlt sich als Mann und tut das gleiche; der angehende Schwiegersohn ist betreten und drückt sich ebenfalls, um - ganz im Vertrauen - auch in die Kneipe zu gehen, und daheim bleiben Mutter, Tochter und jüngster Sohn, die nun tatsächlich auch zu frieren anfangen und zu Bett gehen, genau wie eine Treppe höher der Junggeselle, dem das Geld ausgegangen ist und der im Bett in Ermangelung einer anderen Tätigkeit das schöne Lied singt: „Lieber Frühling, komm doch wieder! Lieber Frühling, komm doch bald!“ So sehnsüchtig und so inbrünstig, daß sämtliche Katzen der Umgebung mitsingen. Peinlich ist, wenn die bereits oben erwähnten Häuschen einfrieren, die es ja in jedem Hause gibt. Ein jeder hat nicht das Glück, in der Nähe des Marktes oder des Moltkeplatzes zu wohnen. Und ein stilles Plätzchen irgendwo im Freien? Danke, bei 30 Grad minus! Aber was tun? Nicht jeder ist so schlau wie Zeus (der übrigens, wie ich glaube, auch keinen Ausweg gefunden hätte, wenn auf dem Olymp das „W.C“. eingefroren wäre)!
Der aufgeklärte Mitteleuropäer, wozu ja der Landsberger auch gehört, rennt zum Klempner, der sich zwei Paar Anzüge anzieht und mit der Lötlampe kommt. Wenn er Glück hat, taut er - die Rohre entzwei, und das Eis bleibt! Je nachdem. Mancher Hausherr macht die Sache selbst und verbrennt sich die Finger, sengt den Anzug, den er anhat, an und setzt vielleicht die ganze Bude in Brand. Dann ist’s schlimm. Es wird die Feuerwehr gerufen und mörderisch über die Regierung geschimpft; denn die hat letzten Endes an allem Schuld.
Und das alles wegen der Kälte! Während man doch eigentlich zufrieden sein sollte; denn Winter ist Winter und kein Bademonat! Überhaupt ist der Mensch niemals zufrieden. Wurde es nun doch am Donnerstag wärmer, das Thermometer stieg und es schneite. Was meinen sie, verehrter Leser, was die Leute nun sagen? Nicht etwa: Gott sei Dank! Nein! Sie sagen: „Wo kommt denn der Dreck nun wieder her!“ Und wenn die Schneeglöckchen blühen, werden sie höchstwahrscheinlich sagen, daß es ja nicht mal richtiger Winter gewesen ist. Dann werde ich aber den Leuten mit der Statistik kommen und ihnen beweisen, daß wir sibirischen Winter, eingefrorene Wasserleitungen und W.C.s, erfrorene Ohren und Hände und daß wir überhaupt Winter hatten, regelrechten guten alten Winter wie anno dazumal in der guten uralten Zeit.    
   -K.W.-