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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Eine Hochwasserkatastrophe in der Neumark vor 75 Jahren
Neumärkische Zeitung    1. April 1930

Im März 1855 herrschte in den deutschen Landen, wie alte Zeitungen und Berichte melden, ungewöhnliche Überschwemmungen, die denen des Jahres 1888 und der neuesten Zeit wohl kaum nach gestanden haben dürften. Wir lesen z.B. im „Neumärkischen Wochenblatt“ (der Vorgängerin der N.-Z.) vom 17. März 1855: „Der jetzt begonnene Eisgang der Oder und der Elbe hat bei dem ungewöhnlich hohen Wasserstande dieser Flüsse an mehreren Stellen Dammbrüche und Überschwemmungen zur Folge gehabt. Auch die Weichsel hat in Polen eine Höhe erreicht, die bei dem bevorstehenden Eisgang Gefahr drohend ist.“ Zwei Tage später meldet die Zeitung: „Die Oderbrücke zu Küstrin ist am 18. März hier eingetroffenen Mitteilungen zufolge durch den Eisgang bedeutend geschädigt; es sind mehrere Joch derselben mit  fortgerissen worden.“ Ergänzend wird dann mitgeteilt, daß durch das Wegreißen von zwei Joch die Verbindung zwischen Küstrin und dem linken Oderufer unterbrochen wurde. Für die Warthe bestand vorerst keine Gefahr. Auf ihr begann der Eisgang erst am 23. März nachmittags mit zunächst regelmäßígem Verlauf. Bei Landsberg begann er am 27. März, bei Schwerin a.W. ein paar Tage früher. Dort wurden sogar ein paar am Ufer stehende Scheunen und Ställe mitgerissen. Am 28. März stand das Wasser in Landsberg 12 ½ Fuß, am 29. März 13 Fuß hoch. Unterhalb Landsbergs bei Clementenschleuße, verursachte eine Eisstauung ein derartiges Anwachsen des Wassers, daß man das Schlimmste befürchtete. Doch gelang es den vereinten Anstrengungen der Behörde und der Bevölkerung der umliegenden Ortschaften die Gefahr abzuwenden, indem der Wall an der Unglücksstelle aufgefüllt wurde. Am 31. März und 1. April erreichte die Gefahr in Landsberg ihren Höhepunkt. In ungeheuren und kernigen Massen schob sich Eis bei stetig wachsendem Wasser zu Tal. Die Straße am Bollwerk wurde überschwemmt. Eisschollen lagen an den Häusern, und die Barrieren an der Warthe entlang waren total zertrümmert. Die Eisbrecher in der Warthe, die nur noch einige Zentimeter aus dem Wasser hervorlugten, waren teilweise ihrer Bohlenverkleidung beraubt und wankend; jedoch widerstand die Warthebrücke dem Ansturm. Anders die Kanalbrücke. Am 31. März nachmittags wurde sie durch den riesigen Eisdruck weggerissen. Einen Tag später versuchte ein heftiger Oststurm das zu tun, was das Eis nicht geschafft hatte. Er warf die Fluten der Warthe gegen die Ostseite des Rundungswalles, daß die Wallkrone bald überspült wurde. Und wenn nicht das sofort auf Veranlassung der Behörden bewerkstelligte Auffüllen des Walles an den bedrohten Stellen die durch den Sturm gepeitschten Fluten aufgehalten hätte, so würde die Bewohner, die bereits zu flüchten begonnen, unsägliches Elend betreffen haben. Es gelang jedoch, die Gefahr abzuwenden.
Weniger glimpflich erging es den Anwohnern der Warthe oberhalb Landsbergs. Auf dem Wasser trieben jedenfalls kleinere und größere Teile von Stroh und Ziegeldächern, Scheunen, Zäunen, Wohnungseinrichtungen usw., die ein Bild von der grausamen Zerstörungswut des Wassers gaben. Bei Borkow arbeiteten täglich hunderte von Wagen um den Wall zu erhöhen und um des Wassers Herr zu werden. Bis zum 4. April hielt der Kampf an. Ein Eisbrecher oberhalb der Landsberger Brücke wurde, trotzdem er mit Seilen festgebunden war, noch fortgerissen. Dann fiel das Wasser langsam, und nur die riesigen Schäden die es angerichtet, blieben zurück.                                      – W –