[../adb/ihv_1892.html]
[../adb/impressum.html]
[../bilder/ihv.html]
[../stradfen/ihv.html]
[../geschichte/ihv.html]
[./ihv.html]
[Web Creator] [LMSOFT]
Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Die vorgeschichtliche Landessammlung der Provinz
Grenzmark  Posen - Westpreußen.
Neumärkische Zeitung  13. April 1930

Die Arbeiten in der vorgeschichtlichen Landessammlung im Reichsdankhaus zu Schneidemühl, deren Protektorat Oberpräsident von Bülow und Landeshauptmann Dr. Casparei übernommen haben, sind jetzt so weit gefördert, daß sie in ihrem bisherigen Ergebnis ein kulturpolitisches Werk ersten Ranges darstellen. Die vorliegenden Ergebnisse der vorgeschichtlichen Heimatforschung, die in einer Auswahl in der Landessammlung vereinigt sind, bilden die Zelle des geplanten, künftigen Provinzialmuseums, das mit einer Landesanstalt für Heimatforschung verbunden werden könnte. Der Weg zu diesem Ziel ist bereits beschritten. Es ist nunmehr erforderlich, daß für den weiteren Ausbau der Landessammlung zu einem Provinzialmuseum bzw. einer Landesanstalt für Heimatforschung die notwendigen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Die Provinz Grenzmark Posen- Westpreußen, die weder eine Universität noch eine öffentliche Bildungsanstalt im Sinne eines Provinzialmuseums besitzt, wird alsdann eine Stelle haben, die die Äußerungen des Volkstums von der vorgeschichtlichen Zeit bis zur Gegenwart nicht nur dem Wissenschaftler, sondern auch dem interessierten Laien zugänglich macht.
Auch die Erforschung und Erschließung der Heimat nach der naturwissenschaftlichen Seite hin könnte in einer solchen Landesanstalt für Heimatforschung ihre Pflegeanstalt finden. Die prähistorische Abteilung dieser Landesanstalt ist mit der vorliegenden vorgeschichtlichen Landessammlung bereits ins Leben  gerufen. Den Grundstock dazu bilden die von der Grenzmärkischen Gesellschaft zur Erforschung und Pflege der Heimat gesammelten Bodenaltertümer, deren Umfang durch die in den letzten 1 ½ Jahren von dem staatlichen Vertrauensmann für die kulturgeschichtlichen Bodenaltertümer der Provinz, Dr. Friedrich Holter, vorgenommenen Grabungen bedeutend erweitert wurde. Dr. Holter hat während der Zeit seiner hiesigen Wirksamkeit bereits eine umfassende Arbeit auf dem Gebiet der prähistorischen Erforschung unserer Heimatprovinz geleistet. Trotz der nur in geringem Umfange zur Verfügung stehenden Mittel und des Mangels an technischen Hilfskräften hat Dr. Holter die vorgeschichtliche Landessammlung zustande gebracht, die den ersten für die breite Öffentlichkeit sichtbaren Erfolg seiner Arbeit darstellt. Die Sammlung, die ausgewähltes, wertvolles Material in sich birgt, vermittelt einen geschlossenen Eindruck von den Völkern und ihren Kulturen, die seit 1200 Jahren in unserer Heimatprovinz gesessen haben. Von jeder Epoche wurde aus dem vorliegenden Material nur das Charakteristische ausgewählt. Die Sammlung gibt auf knappstem Raume ein klares Bild von der vorgeschichtlichen Vergangenheit unserer Heimat. Die wertvollen Fundgegenstände, die streng nach den einzelnen vorgeschichtlichen Epochen geordnet und in zweckmäßiger Weise auf den Raum verteilt sind, geben beredtes Zeugnis von den Lebensäußerungen der vorgeschichtlichen Menschen, die einst vor Jahrtausenden unsere Heimat bevölkerten. Von der arktischen Kultur, von der in unserer Provinz bisher nur wenig Hinterlassenschaften aufzufinden waren, führt der Weg der vorgeschichtlichen Entwicklung über die jüngere und mittlere Steinzeit zu Bronze und Eiszeit.
Die Sammlung umfaßt wertvolle vorgeschichtliche Zeugen, die Lebensäußerungen der Menschen jener Epoche in Gestalt von Feuerspitzen, Kampfbeilen und sonstigen Gebrauchsgegenstände, Stichschwertern, Schmuckgegenständen usw. belegen. Eine große Zahl von Urnen in den verschiedensten Formen zeugen von dem kunstgewerblichen Sinn, der sich in einer kunstvollen Bearbeitung des Materials äußert. Das Modell einer steinzeitlichen Phalsiedlung, von Dr. Holter angefertigt, gibt Aufschluß über die Lebensweise der Menschen dieser Epoche. Interessant sind auch zwei Modelle von vorgeschichtlichen Menschen, die nach Funden, die man in Dänemark gemacht hat, naturgetreu rekonstruiert sind. Ferner ist auch das Modell eines Steinkistengrabes ausgestellt. Die germanischen Kulturen der früheren Eisenzeit, der römische Kaiser und Völkerwanderungszeit sind mit einer großen Zahl von wertvollen Hinterlassenschaften vertreten. Auch Zeugen der lausitzisch- illyrischen Kultur sind in vielen Fundgegenständen vorhanden. Besonders wertvoll ist die Nachahmung der Skulptur eines sterbenden Bastarnen, die Dr. Holter aus seinem Privatbesitz der Sammlung leihweise einverleibt hat. Sehr bemerkenswert ist ferner das Modell eines vorgeschichtlichen Webstuhls, ebenfalls von Dr. Holter angefertigt.
Die vorgeschichtliche Landessammlung wird am Montag, dem 14. April, eröffnet. Sie wird alsdann am Mittwoch und Sonnabend von 4-6 Uhr nachmittags der Öffentlichkeit zugänglich sein. Die Sammlung, die im Büchereiflügel des Reichsdankhauses ihr Heim gefunden hat, ist auch in nationalpolitischer Beziehung von außerordentlicher Bedeutung. Eine Mitarbeit weitester Kreise durch leihweise Überlassung von Altertümern ist in jedem Falle erwünscht und notwendig. Ein Führer durch die Landessammlung und eine Frühgeschichte der Provinz Grenzmark Posen- Westpreußen werden demnächst von Dr. Holter herausgegeben