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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Grenzmark Posen- Westpreußen im Volksmunde
Von Dr. E. Murawski, Schneidemühl.
Neumärkische Zeitung   24. April 1930

Wie in allen Gegenden Deutschlands, so gibt es auch im Gebiet der heutigen Grenzmark Posen- Westpreußen eine Reihe sprichwörtlicher Redewendungen über einzelne Orte und ihre Bewohner, die der Volksmund im Laufe der Zeit geformt hat und in denen meist in treffender Kürze besondere Eigenschaften oder Eigenarten der betreffenden Städte und Dörfer charakterisiert werden. Es dürfte vielleicht ganz zweckmäßig sein, diese Aussprüche einmal systematisch zu sammeln; sie gehen ja meist auf ganz bestimmte historische Hintergründe zurück, sofern sie nicht aus landschaftlichen Besonderheiten oder aus der leidigen Necklust ihren Ursprung haben, die dem lieben Nachbarn möglichst etwas Lächerliches anhängt. So nehmen denn die Spottverse einen beträchtlichen Raum ein, manchmal in recht groben Fassungen, so daß ihre Anwendung wahrscheinlich häufig zu handgreiflichen Auseinandersetzungen geführt hat oder auch immer wieder führen wird. Manche Redewendungen kehren auch in den verschiedensten Gegenden wieder, z.B. wenn es sich um die Charakterisierung eines großen Menschengewühls handelt wie in dem im Posenschen allgemein bekannten geflügelten Wort: „Es geht zu wie auf dem Brätzer Fastnachtsmarkt“ (dort wurden früher besonders Schuhe und Stiefel von den herbeigeströmten Bauern gekauft), zu dem z.B. eine Parallele lautet: „Ein Gedränge wie auf dem Flatower Mietsmarkt“ (Gesindevermietung zu Martini) oder auch „Ein Leben wie auf dem Jastrower Pferdemarkt.“ - Auch in Abzählreimen oder Schlafliedchen mit den verschiedensten Abwandlungen kommen die Namen der Nachbarorte vor, wie etwa im Netzegau:

„Haje, Kindke, Haje –
Beia (Behle) licht u’m Baje
Radolin licht in em Grund,
Schlaup, mia Kind, u bliew gesund.“

Die mundartlich gefärbten Fassungen sind naturgemäß überhaupt die reizvollsten; bei ihnen verliert auch jede, so gern geübte Bosheit an Schärfe. Gerade sie aber beweisen auch am meisten die starke schöpferische Kraft des Volksmundes, die heute leider durch immer stärker werdende Überfremdung auch des platten Landes immer mehr versiegt. Es ist z.T. sehr altes, echtes Kulturgut, das wie vieles andere unwiederbringlich verloren geht.
Da der Platz hier nicht reicht, um alles bereits gesammelte Material zu veröffentlichen, sei nur eine Auswahl wiedergegeben, geordnet nach einer Wanderung von Nord nach Süd, von Schlochau bis Fraustadt. Mit Vergnügen und hoffentlich ohne Bitterkeit wird mancher von den Besonderheiten gerade seines Wohnortes lesen und sich dann vielleicht auch noch andere ähnliche und fast vergessene sprichwörtliche Redensarten erinnern.
„Das klingt als im Peterkauer Palais“, sagt man im Kreise Schlochau bei lautem Trubel, Gesang und Musik, weil im Peterkauer Schloß, einem alten Herrensitz, laute Feste gefeiert wurden, bei denen der sage nach auch der Böse seine Hand im Spiele gehabt haben sollte. Anzüglicher ist schon die Wendung: „Hier ist ein Betrieb wie auf dem Potthakenschen Bahnhof“, weil der zu Flötenstein gehörende Abbau Potthaken überhaupt keinen Bahnhof hat. Ähnlich heißt es von dem Nachbarorte Hammer, der ganz ohne Kirche ist: „Es ist so still wie in der Hammerschen Kirche“. Und „bei Flötenstein da geht der Fuchs auf Reisen“. Warum? Das weiß man nicht mehr, aber in einzelnen Häusern gibt es sogar noch Bilder, die das Sprichwort veranschaulichen. Das kleine Dorf Riesewanz hart an der jetzigen Grenze muß ebenfalls zu einer ironischen Bemerkung herhalten: „War er Soldat? - Ja, in der Festung Riesewanz bei der Pumpe!“ sagte man wohl früher von jemand, der nie Soldat war.
Eine geschichtliche Erinnerung ruft eine im Flatower Kreise übliche Redewendung wach, die gebraucht wird, wenn jemand eine mühevolle oder gefährliche Fahrt macht. „Er fährt wie die Flatower nach Flederborn!“ wie die Flatower Protestanten nämlich, die zur Zeit der konfessionellen Verfolgungen heimlich zum evangelischen Gottesdienst nach Flederborn in Pommern pilgerten. Weniger ehrenvoll kommt dagegen Krojanke weg, denn die dortigen Juden waren dafür bekannt, daß sie auf einen Einspänner 6-8 Fahrgäste setzten, die mit großem Geschrei meistens scharfen Trab gefahren wurde. Darum heißt es heute: „Voll, wie eine Kronjanka Fuhre“, die man übrigens auch „ne leere Kutsch voll Jüden“ nennt. Und außerdem haben die Krojanken heute noch den Spitznamen „Backes“, denn „In Kronjanke gibt’s 10 Salzbacken für einen sechser“. Einen weniger guten Ruf müssen auch die Pr. Friedländer gehabt haben, weil man „ausrücken, wie die (Preuß.) Friedländer Sandhasen“ zu sagen pflegte. Und wiederum eine geschichtliche Unterlage hat das Wort: „sich zum Teufel scheren, wie Blücher nach Gresonse“, denn Friedrich der Große verabschiedete Blücher durch einen Randvermerk, daß er sich zum Teufel scheren könne, worauf Blücher die Domäne Gresonse und Stewnitz bei Flatow pachtete.
Sehr wenig beliebt muß schon immer Schneidemühl, die jetzige Provinzhauptstadt, gewesen sein, denn Wendungen, wie „Schneidemühl - Pleitemühl“ oder „Scheidemühl, auch nicht viel“ sind sehr gebräuchlich gewesen. Die Schneidemühler waren angeblich als Pferdediebe und Gauner berüchtigt, und darum sagte man „gerissen wie ein Schneidemühler Spitzbube“ oder, wenn etwas vermißt wurde, was wohl gestohlen sein könnte: „Suchs nur in Schneidemühl auf dem Stadtberg!“
Ähnlich soll es aber auch in Schloppe von Schönlanke geheißen haben, auf das im Übrigen je nach Wahl der Reim: „Schönlanke, na ich danke!“ oder „Schönlanke, herrlicher Gedanke!“ angewendet wurde. Sagte man im Flatower Lande „Dickschädelig, wie die Tankower Peiter (Peter)“, so heißt es im Netzekreis: „Grob wie ein Strabuhner Bauer“. Und da Strabuhn westlich von Schönlanke liegt, hieß es dort bei Sonnenaufgang immer: „jetzt ziehn die Strabuhner die Sonne herunter“, oder auch wurde bei Regenwetter, das ja vorwiegend aus Westen kommt, behauptete, daß es die Straduhner geschickt hätten. Recht boshaft ist wiederum ein Vierzeiler, der sich mit einigen Orten des Kreises Dt. Krone beschäftigt:

„In Krone ist Ruh –
In Schloppe dazu,
In der Weltstadt Tütz, -
Da wimmelt’s, da blüht’s.“

Recht eigenartig geht es nach dem Volkswitz auch im Nordteil des Kreises zu, denn „In Rederitz und Briesenitz, da tanzen die Leute auf der Ledermütz“. Am empfindlichsten aber sind im Kroner Kreise die Leute von Schrotz, wenn es heißt: „In Schrotz werden Gewitter verladen“. In diesem Falle ist einer an und für sich harmlosen Wendung allmählich von der Bevölkerung ein boshafter Sinn unterlegt worden. Und doch beruht das Ganze nur auf einer durchaus zutreffenden Wetterbeobachtung, denn die beiden Hauptzugstraßen für Gewitter gehen nordwestlich und östlich an Schrotz vorbei; es ergibt sich aber die eigentümliche Tatsache, daß gerade in der schrotzer Gegend infolge der besonderen Geländegestaltung häufig absteigende Luftströme vorkommen, die dann die Gewitter aufhalten, ablenken oder ganz verteilen, also sozusagen „verladen“. Eines der besten Beispiele dafür, wie stark die Beobachtung von Naturvorgängen in die Sprache des Volkes eingeht, so daß solche Wendungen schließlich gänzlich ihre ursprüngliche Beziehung verlieren und einen ganz anderen Sinn und Ausdruck erhalten.
Aber nicht um nördlich der Netze war der witzige Volksmund geschäftig. Er formte auch im Süden unserer Grenzmark Posen- Westpreußen seine neckenden Reimereien, wie etwa: „In Betsche trinkt man den Branntwein aus der Pletsche (irdene Tasse)“ oder „In Bomst kriegt man die Prügel umsonst“, wahrscheinlich deswegen, weil die Bomster ständig wegen der zweifelhaften Güte des von ihnen gezogenen Weines - „sauer, wie Bomster Wein“ - gehänselt wurden und dann gleich kräftig dreinschlugen. Eine Art Abzählreim scheint die folgende Zusammenfassung von vier ganz besonders weltenfern gelegenen Orten im Kreise Bomst darzustellen:

„Wilze, Schwenten, Kreuz und Ruden,
Gott behüt vor Tepperbuden!“

auf einen eigenartigen Zustand in der Seelsorge, wie er wohl Ende des vorigen Jahrhunderts in der Stadt Brätz im Kreise Meseritz bestanden hat, geht der Satz zurück:

„Brätz hat einen evangelischen Pfarrer
und keine evangelische Kirche,
eine katholische Kirche und
keinen katholischen Pfarrer,
eine Synagoge und keine Juden“.

Eine heute noch erkennbare Besonderheit unserer südlichen Kreisstadt Fraustadt sind die vielen Windmühlen, von denen es sprichwörtlich heißt: „stolz auf seine Mühlen darf sich Frauenstadt fühlen“, übrigens ein Reim, der vielfach auch auf andere Städte in anderen Gegenden angewandt wurde. Daß es auch im Kreise Frauenstadt boshafte Nachbarn gibt, beweist die folgende scherzhafte Charakterisierung eines dortigen großen Kirchdorfes nahe der jetzigen Reichsgrenze:

„In Ulbrsdorf, da klappert der Storch,
Da tanz die Laus,
Da hopst der Floh zum Fenster naus“

Gewiß gibt es noch viel, viel mehr derartiger Redewendungen, und es wäre wohl sehr interessant, wenn einmal eine systematische Sammlung erfolgen würde, die nach den verschiedensten Gesichtspunkten ausgewertet werden könnte und wohl auch nach Möglichkeit das noch aufzubringende Gut auch aus den anderen Teilen des alten Posen und Westpreußen berücksichtigen müßte. Dabei sei ausdrücklich verwiesen auf den Aufsatz von Prof. Warschauer „Deutsche und Polen im Sprichwort der Ostmark“ (Ostdeutscher Heimatkalender 1927). Die Heimatfreunde, deren freundlicher Unterstützung wir das bisher bereits gesammelte verdanken, werden sicher auch zu weiterer Mitarbeit bereit sein, und gewiß dürfte ihr Kreis noch vermehrt werden können.