Grenzmärkische Ortsnamen
Von Walther Hämpel, Berlin
Neumärkische Zeitung 4. April 1931
In der Grenzmark stoßen auch in den Ortsnamen germanisches und slawisches Sprachgut zusammen. Wie bei den Vor- und Familiennamen meist ein charakteristisches Etwas des Trägers zum Ausdruck kam, so wiesen die Stadt und Dorfnamen häufig auf eine Beziehung zur Lage und Anlage, zur Umgebung und Nachbarschaft hin. Auf grenzmärkischen Boden sind die Ortsnamen bunt zusammengewürfelt, und zu den slawischen Bezeichnungen gesellen sich deutsche, ursprüngliche oder eingedeutschte Slawische. Bei der Eindeutschung ging man ziemlich kühn vor. Noch in den letzten Jahrzehnten prägte der ostmärkische Volksmund für lange oder unverständliche polnische Namen kuriose deutsche Übertragungen. So mußte sich Wymyslanke die Umwandlung in Maschlunke gefallen lassen, und aus Chwalkowo wurde volkstümlich Quarkloch.
Unsere Heimat beherbergte eine ganze Anzahl eigenartiger Ortsnamen, die an Wunderlichkeit hinter denen anderer Gegenden Deutschlands nicht zurückstehen. Dreckort, Hundwinkel, Hasenlager, Kneipzange, Kothende und Stippett gibt es zwar nur bei Hude, Buxtehude in Hannover und Hundelust bei Zerbst, aber auch wir können mit einer bunten Reihe ulkiger Ortsbezeichnungen aufwarten.
Wenn andere Landschaften ihr Laufa, Flöha, Wanzeman und Lauseck besitzen, wir haben unser Lauske im Schweriner Kreise, wobei zu bemerken ist, daß dieser Ortsname nicht mit dem Apfarmieter menschlicher und tierischer Körper zu tun hat, sondern vom polnischen Las -Wald (vergleiche Laske bei Bomst) abgeleitet ist, kaum von lügen oder lauschen.
Bei Frankfurt (Oder) gab es einst Krebsjauche, jetzt Wiesenau genannt, unser Krebse bei Schwerin (Warthe) hat seinen viel netteren Namen behalten. Schermeisel im Kreise Ost- Sternberg heißt im Volksmunde oft Mäuseschwänzel. Grunzig ist auch ein schöner Name, aber kaum auf grunzen zurückzuführen, und nun kommt die Menge unserer Witze: Pan-, Kie-, Bobelwitz u.a. Buchwitz hat mit dem Körperteil, den man vornehm Leib nennt, nicht zu tun; es ist die Verdeutschung von Bukowies Buhlitz. Wischen aber hieß in polnischen Zeiten Wyszanow. Dürriettel und Naßlettel bei Brätz verdanken wir Dakowy mokre und Dakowy suchy bei Grätz ihre Namen ihrer Lage auf trockener Höhe oder im nassen Sumpf, und selbst das weltberühmte Posemukel, das gleich in zwei Exemplaren (Groß und Klein- Posemukel) vertreten ist, stammt von dem slawischen pod mokry - Niedersumpf. Krebsjauche hängt wie Zauche mit suchy (trocken) zusammen.
Der liebliche Kranz ist kein Blütenkranz, sondern ein Grenzdorf (granica- Grenze).
Ganz schlimm aber wird’s in der Fraustädter Gegend. Da liegen Lache und Weine (letzteres jetzt polnisch) nahe beieinander wie im Leben überhaupt, und man erzählt noch heute von dem Probst Fröhlich, seiner Wirtin Lustig, seinem Hunde Munter in Lache bei Weine. In Klammern sei bemerkt, daß Lache nichts mit lachen und Weine nicht mit weinen gemein hat, sondern Lache hängt mit Loch, Lake und Weine mit wina oder Wein zusammen.
Der Name Pechlüge im Kreise Schwerin ist nicht tragisch zunehmen, ist er doch nicht von lügen, sondern von Luch (Sumpf) abgeleitet. Neben Alt- und Neu- Sorge bei Fiehlehne gibt es zwischen Birnbaum und Schwerin, nördlich der Warthe, auch Freude und Hoffnung.
Am ulkigsten aber ist es auf dem anderen Netzeufer. Da liegt, nur durch die Drage voneinander geschieden, auf neumärkischen Boden Hochzeit und in der Grenzmark Neuhochzeit, auch Kindelbier genannt.
Über diesen eigenartigen Spitznamen erzählen die Provinzblätter für das Großherzogtum Posen vom Jahre 1846, daß schon 1798 neben der Bezeichnung Vorwerk oder Freigut Hochzeit der Name Neuhochzeit aufkam. Kindelbier ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt. 1845 stand dieser Name auf der Ortstafel hinter der amtlichen Bezeichnung Neuhochzeit, und die Sage erzählt, der Besitzer von Neuhochzeit, Oberförster Emig, habe bei der Taufe seines ersten Sohnes auch die Umtaufe des Ortes vorgenommen. Storchnest im Kreise Lissa ist zwar von Hochzeit und Kindelbier etwas weit entfernt, aber Freund Adebar soll ja ein vorzüglicher Flieger sein.
Profakel oder Proffakel (Ferkelchen) hat wie Schweinekarge (Unruhstadt) und Schweinert seinen Namen von dem rosigen Borstenvieh, die einst in hellen Haufen die Straßen des Dorfes passierten. Bei Fissahn liegt „Rußland“ und bei (jetzt kommt nach Ernst Niemann der putzigste Namen) also bei Putzig Schabernack auf schwierigem Terrain im Netzethal.
Anfrage und Vorfrage bei Neubrück finden wir wie Nothwendig auf jetzt polnischem Boden, aber Tod und Begräbnis nicht weit von Ehrbarsdorf, das einst Herburtsdorf hieß.
Wir besitzen sogar im Kreise Meseritz (M. zwischen den Flüssen, daher einst Flußeck oder Mittelfluß als Verdeutschung vorgeschlagen) ein Paradies, so genannt nach dem im 13. Jahrhundert gegründeten Zisterzienserkloster Paradisus Sancice Mariae und daneben Jordan an dem Flüßchen gleichen Namens, das im gewöhnlichen Leben meist Packlitz heißt. Nicht weit davon liegt Zion und weiter im Norden Tempel, beide schon auf brandenburgischen Gebiet, aber hart an der Grenze.
Ebenso wenig wie Blumenwerder bei Deutsch Krone - es hieß früher Plumward- Pflaumenwerder - mit Blumen etwas zu tun hat, ist Tirschtiegel mit einem Tiegel in Beziehung zu setzen; aus der Rohrstadt (Trziel) wäre aber vor Jahrhunderten bald Torstetel, vielleicht Torstädtel geworden.
Ganz abwegig ist es natürlich die Namen Bomst und Unruhstadt etwa mit dem Wirkungen des einst hier in Mengen gebauten und oft zu Unrecht gelästerten Weines in Verbindung zu bringen. Bomst kommt von Babyymost - Weiberbrücke her. Unruhstadt dagegen trägt seinem Namen zu Ehren seines Gründers, des edlen Christoph von Unruh.
Der Volkswitz hat sich vielfach der Ortsnamen bemächtigt und sie auf seine Art gedeutet:
Nach Schwerin kommt man schwer rin.
In Bomst kriegt man die Prügel umsonst.
In Batsche trinkt man den Branntwein aus der Plättsche.
Posen - der Juden Gosen.
In Rakel - viel Spektakel.
In Schrimm - ist schlimm.
In Samter - noch verdammter.
In Rogasen - zum Rasen.
Schönlanke - na, ich danke!
Der beliebte Hexameter:
Tirschtiegel, Bomst, Meseritz, Schrimm, Schroda, Rakel, Fielehne führt im ersten Teil gleich drei Grenzmarkstädte auf.
Andere Verslein lauten.
Kosten und Obernick locken den Komornick.
Perlen sind im Oste: Bentschen, Schmiegel, Koste.
Und von Kosten behauptet der Volksmund, es liege nicht weit von Schmecken.
Aber auch die Dichter haben sich der Grenzmarkstädte bemächtigt. Trojan besingt Bomst und sein Gewächs in den „88er Weinen“. Weniger bekannt dürfte sein, daß auch Christian Morgenstern Palmström Bomst angedichtet hat, allerdings nur so im Vorübergehen.
Keine ostmärkische Stadt aber hat bisher einen so begeisterten Verehrer gefunden wie Schwerin (Warthe) in Hans Braune:
Posens Städtekranz zu preisen
Wreschen, Pleschen, Zions, Usch, Reisen,
Zirka, Wronke, Storchnest, Bentschen,
Doch die Sehnsucht aller Menschen
Ist des Herzens Sehnen stets.
Blesen, Gnesen, Buk, Grätz, Britz,
Jaratschewo, Jukroschin.
Bist und bleibst nur du, Schwerin!
Wenn es einmal gilt zu scheiden,
Denn das Leben gab mir Freuden,
Gab als Herrlichstes das Schöne,
Ich war einer deiner Söhne,
Schaue dankbar ich zurück,
Gab mir Liebe, gab mir Glück,
Was es wen’gen nur verliehen:
Unvergeßliches Schwerin!