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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Seidenbau in der Neumark
Neumärkische Zeitung   11. September 1931

Pflanzung der Maulbeeren,
 Aufzucht der Seidenraupe.

Von den Ostdeutschen Gebieten war früher in der Neumark der Seidenbau am meisten verbreitet. Es war in erster Linie das Verdienst Friedrich des Großen, der die Zucht der Seidenraupe in diesem Gebiete einführte und förderte. Noch vor ungefähr 30 Jahren gab es in der Neumark kaum ein Dorf, in dem nicht auf dem Kirchhofe Maulbeerbäume vorhanden waren. In dem Dorfe Falkenstein ist heute noch der ganze Kirchhof mit Maulbeerbäumen eingefaßt, desgleichen führen in der Nähe von Küstrin in der Richtung nach Königsberg (Nm.) zwei lange Alleen alter Maulbeerbäume zu den Rittergütern Mohrin und Guhden. Die Zucht der Seidenraupen lag zu damaliger Zeit in den Händen der Pfarrer und Lehrer, die sich mit den Lebensbedingungen der Raupen vertraut machten und die Aufzucht systematisch betrieben. Oft mußten die Schulkinder, und zwar die Jungen das Laub von den Bäumen holen, während die Mädchen unter Aufsicht des Lehrers die Raupen fütterten. So wurde noch vor ungefähr 65 Jahren in dem Dorfe Lauchstädt die Fütterung gehandhabt. Lange Zeit hörte man dann wenig vom Seidenbau in Deutschland, bis plötzlich in den letzten Jahren auch wieder in der Neumark zahlreiche Neuanpflanzungen von Maulbeerbaumkulturen ausgeführt wurden. So legte als erster der Kreisausschuß des Kreises Friedeberg eine Hecke um die Kreisgärtnerei von einigen tausend Sträuchern an. Zahlreiche Anbauer folgten, und so wurde bis jetzt im Kreise Friedeberg zirka 51 750 Sträucher gesetzt. Die andern Kreise haben etwas weniger aufzuweisen. So stehen im Kreise Landsberg (Warthe) zirka 30 460 Stück, im Kreise Oststernberg 41 700, Weststernberg 23 050, Züllichau- Schwiebus 11 650, Lebus 20 020, Königsberg (Nm.) 27 600, Soldin 9800 und im Kreise Arnswalde 12 375 Stück Maulbeerbaumsträucher.
Auch die Preußische landwirtschaftlichen Forschungsanstalten Landsberg (Warthe) und die Beratungsstellen der IG Farbenindustrie in Landsberg (Warthe) haben in den letzten Jahren umfangreiche Düngungsversuche in Maulbeerkulturen durchgeführt.
In Woldenberg (Nm.) betrieb als letzter bis zum Jahre 1885 ein Müller Gierke die Raupenzucht. Im Jahre 1924  nahm die Firma Falbe in Woldenberg die ersten Versuche mit Fütterung der Raupen auf und erzielte Erfolge. Die Anlage der Anpflanzungen wurde von Jahr zu Jahr vergrößert, und heute stehen über 30 000 Maulbeersträucher für Fütterungszwecke und zur Nachzucht zur Verfügung.
Eine Besichtigung der Maulbeerkulturen und der Betriebsräume der „Ostdeutschen Seidenbau“, Inhaber Johann Falbe in Woldenberg (Nm.), vermittelt eine Fülle interessanter Bilder von der Aufzucht der Seidenraupen. Der erste Blick fällt auf die ausgedehnte Maulbeerplantage. Ungefähr 10 Morgen Land sind mit den Maulbeerpflanzen bestellt. Die Sträucher stehen in Reihen von je 2 Meter Abstand und sind voneinander 30 bis 40 Zentimeter entfernt. Die Höhe beträgt im Durchschnitt 2 Meter. Von den vielen Maulbeerarten ist die weiße Maulbeere durch ihre hohe Windfestigkeit und Anspruchslosigkeit in Bezug auf den Boden und großen Laubertrag für Deutschland am geeignetsten. Der jährliche Laubertrag der Maulbeersträucher wird zum Füttern der Raupen verwendet.
Die Aufzucht der Seidenraupen geschieht in einem Schuppen, Stall oder in einem anderen geschlossenen Raum. Mit dem Austreiben der Sträucher im Frühjahr beginnt man mit dem Ausbrüten der Eier, die im vergangenen Herbst gesammelt und während des Winters in einem Eisschrank aufbewahrt wurden. Die Eier, die wie blauer Mohn aussehen, werden im Brutschrank bei einer Temperatur von 20- 22 Grad C. ausgebrütet und in kurzer Zeit entwickeln sich kleine Räupchen, die wie ein 2 Millimeter langer gelbschwarzer Faden aussehen. Im ersten Alter erhalten die kleinen Raupen junges frisches Laub, während sie später mit ganzen Zweigen gefüttert werden. Nach viermaliger Häutung ist die Raupe, ungefähr 35 Tage nach dem Ausschlüpfen aus dem Ei, spinnreif. Das Tier hat genügend Spinnmasse in seinem Körper angesammelt, daß es mit dem Spinnen beginnen kann.
Es ist wirklich interessant zu beobachten, wie nun die Raupen nach einem geeigneten Platze zum Spinnen suchen. Mit dem hell- weißlichen Körper aufgerichtet, aufmerksam spähend nach einer Gelegenheit zum Klettern, schieben sich die Raupen langsam vorwärts. Der gute Züchter hat bereits Stellagen aufgestellt, auf deren einzelnen Etagen Spinnhütten untergebracht sind. Die Raupe zieht nun in einen Winkel der Spinnhütten Verbindungsfäden, legt sich in ein Gespinnst hinein, daß sie einen Halt hat und beginnt dann, ihre Hülle, den so genannten Kokon, zu spinnen, in der Weise, daß die Raupe einen Faden in 8 förmigen Schlingen um sich webt und allmählich eine feste Wand herstellt. Die Spinnmasse liegt bei den Seidenraupen in zwei Spinnkanälen, die an beiden Seiten des Darmes eingebettet sind. Der weiche Spinnbrei wird durch Spinndüsen, die an der Oberlippe des Tieres gelagert sind, zu einem Faden geformt, der sofort erhärtet. Nach unermüdlicher dreitägiger Spinnarbeit ist das Kokon fertig. Die Raupe beginnt sich zur Puppe umzuwandeln.
Nach dem Willen der Natur würde jetzt wieder ein Schmetterling erstehen, und der ewige Kreislauf des Lebens wäre wieder geschlossen. Da aber der Schmetterling bei dem Ausschlüpfen den Kokon durchbrechen und den ungefähr 1200 Meter langen Seidenfaden zerstören würde, muß die Raupe in den Kokon abgetötet werden, um den Seidenfaden unversehrt abwickeln zu können.
Die Kokons werden abgestreift und am besten durch Heizluft abgetötet. Zu diesem Verfahren gehört ein Apparat, resp. ein heizbarer Ofen. Am bequemsten wird für den Seidenbauer ein Bratofen sein, eventuell ein Grudeofen, der infolge seiner gleichmäßig anhaltenden Temperaturen sowohl für das Abtöten als auch für das Nachtrocknen besonders geeignet ist.
Abtötungsreif ist ein Kokon frühestens nach fünf Tagen vom Einspinnen an gerechnet. Innerhalb der ersten 14 Tage hat jedoch das Abtöten zu erfolgen, da bei einem späteren Zeitpunkt die Umwandlung der Raupe zum Schmetterling schon so weit vorgeschritten sein kann, daß eine Absonderung von Säften stattfindet, die den Wert der Seide beeinträchtigen. Die beste Temperatur zum Abtöten liegt bei 60 Grad C. Vollkommen trocken ist ein Kokon dann, wenn sich die Raupe in der Hand zerdrücken läßt. In dem weiteren Arbeitsprozeß zur Gewinnung der Seide legt man die Kokons in heißes Wasser, um die Abwicklung des Fadens möglich zu machen. Der Faden wird abgewickelt, gedrellt und maschinell sechs Fäden zu einem starken faden zusammengelegt. So hat man einen Seidenfaden gewonnen der jetzt verarbeitet werden kann.