Geschichte der neumärkischen Volksschule
Neumärkische Zeitung 11. November 1930
Am Montag veranstaltete der Verein für Geschichte der Neumark einen Vortragsabend in der Aula des Gymnasiums. Nach Begrüßungsworten des Vorsitzenden des wissenschaftlichen Ausschusses, Studienrats Dr. Heidrich, sprach Lehrer Kaplick über das Thema: Zur Geschichte der neumärkischen Volksschule.
Der Redner führte u.a. folgendes aus: In geographischer Hinsicht war im Mittelalter die Neumark dem slawischen Ansturm am weitesten vorgeschoben und bildete deshalb ein in sich abgeschlossenes ganzes. Zerstreut lagen die Siedlungen im Netze und Warthebruch und hatten keinen Anschluß an die westliche Bevölkerung. Das Fehlen von Bodenschätzen hatte ein Anwachsen der landwirtschaftlichen Betriebe zur Folge. Die Bauernschaft war abhängig vom Adel, der sich gegen jedes Bildungsstreben der Untertanen sträubte. Nach dem dreißigjährigen Kriege hatten die Landfürsten andere Aufgaben, als sich um die Volksbildung zu kümmern. Nach der Reformation müssen aber bereits Schulen vorhanden gewesen sein, denn die Schriften Luthers wurden von einem Teil des Volkes gelesen und geschrieben. Im Jahre 1600 erläßt Joachim Friedrich Vorschriften über das Verhalten der Schulmeister und Lehrer. Weitere Beachtung fanden die Volksschulen aber nicht. Die Schulmeister waren Handwerker oder alte Soldaten und für ein Lehramt nicht gerade besonders geeignet. Hinzu kam, daß die Stellung eines Schulmeisters so schlecht bezahlt wurde, daß niemand, der sich irgendwie anders ernähren konnte, sich zu diesem Beruf drängte. Im 18. Jahrhundert schlägt endlich die Geburtsstunde der neumärkischen Volksschule. Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große hat durch die Kolonisation weite Gebiete für Kolonisten aus dem ganzen Reiche geöffnet und das Verlangen der Bevölkerung durch diesen Verkehr mit fremden Menschen nach Kenntnissen und einer gewissen Bildung erweckt und gestärkt. Friedrich Wilhelm III. setzte das Werk weiter fort. Im Jahre 1736 wird die Verordnung über das Kirchen- und Schulwesen in der Neumark erlassen. Zum ersten Male wird der Schulbesuch zur gesetzlichen Pflicht gemacht. Seit 1870 wurden viele Schulen in Preußen gebaut, jede mit einem Garten versehen, der zur Schularbeit der Kinder dienen sollte. Noch im Anfang unseres Jahrhunderts lag der Schulunterricht in engen Fesseln. Erst in der letzten Zeit hat die Entwicklung der Volksschule einen großen Schritt vorwärts getan. Weiter führt der Weg. Das Erbe darf nicht verloren gehen, sondern muß Besitz des ganzen Volkes werden.
Das Publikum, das leider für einen derartigen interessanten Vortrag nur schwach erschienen war, dankte dem Redner in lebhafter Weise.