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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Das Richtfest - eine alte, lustige Sitte der Bauarbeiter
Neumärkische Zeitung   30. Juli 1929

Nun soll noch einer sagen, daß unsere Zeit traditionslos ist. Sind nicht die fremden Zimmerer- und Maurergesellen in ihren weiten Hose, dem breitrandigen Hut oder dem Zylinder auf dem Kopf, mit dem in das Hemd eingeknüpften Schlips, dem „Berliner“ unter dem Arm und dem derben Knotenstock in der Hand die geborenen Hüter der Tradition? So kennt man sie doch, solange man denken kann. Mit ihnen hängt auch ein Brauch zusammen, der ebenso von alters her ist, „wie die Zimmerleute privilegierte Tagelöhner von alters her waren“ (so schreibt Bringmann; der Historikern der Zimmererbewegung). Dieser Brauch ist das Richtfest, fast ein Gewohnheitsrecht für die Bauarbeiter. welcher Bauherr würde sich diesem Brauch entziehen? Die ganze Welt würde wissen, daß er ein Schubiak ist, der nicht einmal eine Lage schmeißt, wo es angebracht ist und das „ehrbare Handwerk“ darauf wartet. An Stelle der schönen grünen Krone, hoch oben auf dem Dachfirst, würde man ihm einen Besen an eine hohe Stange nageln, einen, der zeugt, daß hier ein Geizkragen Bauherr ist. Und das will doch keiner sein. So wird der Bauherr, wenn der letzte Sparren gelegt ist, schon dafür sorgen, daß ein Kranz vorhanden ist. Kein Jungfernkranz, sondern einer, groß wie ein Wagenrad, der wie eine Krone an bunten Bändern von der Stange herabhängt und anzeigt, daß die Zimmermannsarbeit beendet ist, jedoch „können noch Regen und Sonnenschein von oben und überall herein“, wie es in einem Richtspruch heißt. Die Krone trägt bunte Tücher und Wimpel, die lustig im Winde flattern. Ein alter Zimmermann, der reichlich weit „getippelt“ ist, erzählte mir von süddeutschen Richtfesten, bei denen es Brauch sei, daß der Bauherr so viel seidene Tücher in die Krone knüpfte, wie Gesellen am Bau gearbeitet hätten. Jeder von ihnen nehme ein Tuch und finde darin ein Fünfmarkstück eingeknotet. Auch sei es falsch anzunehmen, daß die Zahl der Richtfeste abnehme. Im Gegenteil, selbst auf den modernen Betonbauten sehe man eine Krone. Und, das kann ich bestätigen, nach wie vor wird brav gefeiert. Nicht umsonst heißt es in dem Lied:

 „ Ist nun ein Bau vorbei,
Da gibt’s auch Schmauserei,
Gut zu essen, gut zu trinken,
gebratene Wurst und Schinken,
Gut Bier und Branntwein;
Da ist Zimmermann gut sein.“

Oft dauert die Feier bis in den frühen Morgen; es kommt nur auf den Geldbeutel des jungen Hausherren an. Gewöhnlich findet das Richtfest nach Feierabend in einem in der Nähe liegenden Lokal statt. Für einige Stunden ist man munter und fidel, während der nächste Morgen schon wieder den Kampf um Lohn und Brot bringen kann - den Wissen Zimmerer und Maurer ebenso gut zu führen, wie sie beim Richtfest an einem alten Brauch festhalten. Die Sitte ist sicherlich dem Krugtag der fremden Zimmergesellen verwandt, der schon vor Jahrhunderten am Mittwoch abgehalten wurde und der Kurzweil diente. Beim Umtrunk wurde das „Klatschen“ geübt und Schwänke gingen rundum. Am nächsten Morgen aber rief wieder die Pflicht. so wird es noch heute beim Richtfest gehalten.      
Georg Schwarz.