[../adb/ihv_1892.html]
[../adb/impressum.html]
[../bilder/ihv.html]
[../stradfen/ihv.html]
[../geschichte/ihv.html]
[./ihv.html]
[Web Creator] [LMSOFT]
Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Die Lachsfischerei auf der Warthe.
Von Karl Schlösser, Fichtwerder.
Neumärkische Zeitung    2. Oktober 1926

Der interessanteste Fisch.
Alljährlich im Juli beginnt bei uns die Fischerei auf Lachse, um ungefähr bis zum November ausgeübt zu werden. Nur der hohe Stand des Wassers hat in diesem Jahre den Anfangstermin um anderthalb Monate auf den September verschoben. So ist es selbstverständlich, daß die Erträge um ein Bedeutendes gegen die der Vorjahre zurückstehen werden, umso mehr, als auch die Zahl der Lachse stetig im zurückgehen begriffen ist. Von früh bis spät sind um diese Zeit die Fischer bei der Arbeit. Abwechselnd werden die Züge ausgeführt. Das große Flügelnetz, das ungefähr eine Länge von 100 Meter aufweist, wird am Ufer mit einem Stemmpfahl festgehalten, während der andere Flügel von zwei Fischern mit dem Kahn auf dem Fluß hinausgefahren wird. Langsam treibt der Kahn und mit ihm das Netz stromab. An geeigneter, flacher Stelle wird das Netz aufgenommen, und mit großer Spannung sieht der Fischer dem Ereignis des Zuges entgegen. Es kommt vor, daß zwei, ja drei Lachse die Beute eines Zuges werden, oftmals aber wirft der Lachsfischer  sechs- bis achtmal am Tage sein Netz aus, ohne in der ganzen Woche einen der Wertvollen Salmoniden zu Gesicht zu bekommen. Wie jede andere Fischerei ist der Lachsfang Zufallssache, aber umso größer die Freude, wenn einem das Glück hold ist, der Erfolg die aufgewandte Mühe lohnt. Dann wird außerdem noch so mancher „Bierlachs“ gefangen. Die Lachsfischerei beruht auf der Erfahrung, daß alljährlich in diesen Monaten der Lachs die Warthe passiert, um seine Laichplätze in den Nebenflüssen der Netze, in Drage und Küddow, aus zu suchen. Diese Erscheinung des jährlichen Wanderns der Lachse, wie auch seine Biologie, machen den Lachs zu einem der interessantesten Fische unserer Gewässer. Welche Gründe mögen nun den Lachs veranlaßt haben, zum ersten Male aus den heimischen Gewässern in das Meer zu wandern? Denn, da der Lachs im Südwasser zur Fortpflanzung schreitet, ist sicher anzunehmen, daß hier seine Heimat ist. Weder Nachstellungen noch Nahrungsmangel können hier als Gründe herangezogen werden. Es müssen schwerwiegende Ursachen gewesen sein, denn es handelt sich nicht nur um einen einfachen Wechsel des Aufenthaltsortes, sondern um Anpassung an das spezifische viel schwerere Salzwasser des Meeres. Nur Gewalten, denen die Tiere bei Gefahr ihres Daseins weichen mußten, können einen solchen Einfluß ausüben, und derartigen Gewalten sind in der jüngsten Erdgeschichte nur die mächtigen Eismassen, die in der Eiszeit sich über die ganze norddeutsche Tiefebene ausdehnten. Damals war es, wo viele der großen Säugetiere, die bislang unsere Heimat bewohnt hatten, die rauen Gegenden Norddeutschlands verließen oder in den Eisfeldern ihren Tod fanden. Mit diesen Tieren ging auch der Lachs in die Verbannung. Der einzige Ort, wo er Zuflucht suchen konnte, war das Meer. Wenn jedoch die Fortpflanzungszeit kam, stieg er in die Flüsse der eisfrei gebliebenen Gebiete auf, um seiner Brut die Lebensbedingungen zu schenken, unter denen er selbst aufgewachsen war. Die durch die Jahrtausende ausgeübten Laichzüge behielt der Fisch bei, und so wiederholt der wandernde Lachs in seinem Leben eine bedeutsame Epoche aus der Geschichte seines Stammes.
In seinen Hauptzügen durchwandert der Lachs die Warthe, von ungefähr Mitte Juli bis Mitte Oktober, schreitet im November und Dezember zur Fortpflanzung, einzelne Tiere sollen auch noch im Januar und Februar laichen. Dazu sucht sich der Fisch schnell fliesende Bäche mit sandigem oder steinigem, jedoch stets klarem Grunde aus. Erst völlig fortpflanzungsbereit sucht er diese Gewässer auf, um sie sofort nach dem Ablaichen wieder zu verlassen, da die Gefahr, denen er im Klaren Wasser ausgesetzt ist, außerordentlich groß sind. Für die bei uns  durchziehenden Lachse kommen als Laichplätze nur die Oberläufe der Netzenebenflüsse, wie Drage und Küddow, in Frage. Nach Ansicht von Regierungsrat  Grantz sind die Nebenflüsse der Netze sogar das einzige Revier im Stromgebiet der Oder, in dem der Fisch noch zum Laichen kommen kann. Alle anderen Nebenflüsse der Oder, wie Neiße und Boder, sind durch hohe Wehre für den Lachs unzugänglich. Überall, wo sich derartige Wehre befinden, wird natürlich versucht, für die Lachse den Weg freizumachen, durch Anlage so genannter Fischpässe. So weist die  bei Neuwedell und Steinbusch derartige Einrichtungen auf. Ein Wehr mit einer Staustufe von sieben Metern hemmte bei Steinbruch die Wanderung der Lachse. Die Überwindung eines solchen Hindernisses ist selbst für einen so wagehalsigen und guten Springer, wie der Lachs es ist, eine Unmöglichkeit. Deshalb ist man zur Anlage eines Fischpasses geschritten, das heißt, jede Staustufe hat bei einer Länge von drei Metern eine Höhe von nur 25- 30 Zentimetern erhalten. Außerdem hat man noch die ganze Strecke durch zwei Ruhebassins von 10 Meter Länge in drei Abschnitte geteilt, um das Überwinden dieses Passes so leicht wie möglich zu machen.
Ist nun der Lachs bis zu den Laichplätzen gelangt, so beginnt das Fortpflanzungsgeschäft, dass uns Fritsch sehr anschaulich geschildert hat: „ Das Weibchen sucht seichte Fluß oder Bachstellen auf, die kaum einen halben Meter tief sind und mäßig strömendes Wasser führen. Hier wirft das Weibchen durch Seitenbewegungen des Körpers die größeren Steine zur Seite, so daß dadurch eine  an 2 Meter lange, etwa 1 Meter breite ovale Grube entsteht. Das Weibchen versucht die Anlegung  der Laichgrube an mehreren Plätzen; fünf bis acht Laichgruben findet man in Bereichen, wo nur ein Lachsweibchen vorhanden ist. Es ist bisher nicht sicher, ob alle diese Laichgruben abwechselnd benutzt werden, oder ob nur eine bevorzugt wird. Zu dem auf der Laichgrube liegenden, mit dem Kopf an einem größeren Stein gelehnten Weibchen kommt in den Früh- und Abendstunden das Männchen, stellt sich mit dem Kopf in die Nähe der Genitalöffnung des Weibchens; sobald diese, durch die Nähe des Männchens gereizt, etwas Eier ausläßt- schießt das Männchen, dessen Seiten streifend, nach vorn, wobei es die Milch in Menge losläßt. Es stellt sich dann etwa einen Meter vor das Weibchen und läßt allmählich die Milch fließen, auf die jetzt im Strom aus dem Weibchen austretenden Eier, welche durch die Seitenbewegungen des Schwanzes mit Sand und Geröll bedeckt werden.“ An dem Fortpflanzungsgeschäft beteiligen   sich auch die Junglachse, also Fische, die noch nicht das Meer aufgesucht haben. Sie befruchten die gelegten Eier, während die alten Lachse um den Besitz des Weibchens kämpfen. Erst im Mai, also  ungefähr nach Ablauf von drei bis fünf Monaten, werden die Eier gezeitigt. Aufgerüstet mit einer verhältnismäßig großen Dotterblase, sind die jungen Fische, die auch Salmlinge genannt werden, der Nahrungssuche enthoben und führen zwischen Geröll und Gestein ein verborgenes und beschauliches Leben. Erst wenn nach etwa sieben Wochen der Inhalt der Dotterblase aufgebraucht ist, beginnt für die Fischlein der Kampf ums Dasein. Der junge Lachs ist außerordentlich ungesellig, und allein und verborgen hinter größeren Steinen, mitten im Strombett, liegt er der Jagt ob. Seine Nahrung besteht aus Wasserasseln, Spinnen, Schnecken, vor allem jedoch aus Larven verschiedener  Mücken-, Köcherfliegen-, Uferfliegen- und Eintagsfliegenarten, die in lebhaften Gewässern in Mengen vorhanden sind und dem heranwachsenden Fisch stets eine volle Tafel bescheren. Und dennoch geht das Wachstum der Salmlinge recht langsam vonstatten, so daß der einjährige Lachs nur die Länge von 10 bis 14 Zentimeter erreicht. Spätestens im dritten Lebensjahr verlassen die jungen Lachse die Heimat, um ins Meer überzusiedeln.