[../adb/ihv_1892.html]
[../adb/impressum.html]
[../bilder/ihv.html]
[../stradfen/ihv.html]
[../geschichte/ihv.html]
[./ihv.html]
[Web Creator] [LMSOFT]
Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
„Glück auf“ in der Neumark
Neumärkische Zeitung  12. Dezember 1930

Eine Besichtigung des früheren Braunkohlenwerkes in Liebenow.
Am Sonntag, dem 30. November d.J., starb in Liebenow der Grubenbetriebsführer Robert Schülke im Alter von 71 Jahren. Der Tod dieses Bergwerksbeamten läßt neue Erinnerungen wach werden an die Stätte, an der dieser verdienstvolle Mann 50 Jahre lang in treuester Pflichterfüllung auf verantwortungsvollem Posten gestanden hat. Schülke war Obersteiger bei dem Braunkohlenbergwerk Liebenow, dem einzigen in der Neumark, das zu dem Rittergut Liebenow gehörte, und dessen Besitzer auch Eigentümer des Bergwerkes ist. Dieses Bergwerk hat in früheren Zeiten eine große wirtschaftliche Bedeutung für die Neumark gehabt. Erst in der letzten Zeit wurde der Betrieb aus verschiedenen Gründen eingeschränkt und schließlich am 1. April 1928 gänzlich stillgelegt. Einen interessanten Einblick in die früheren Arbeitsvorgänge und den jetzigen Zustand des Werkes gewährte ein Besuch in Liebenow.
Der ganze Erdboden, auf dem sich das Dorf und Rittergut Liebenow ausbreitet, ist von Braunkohlenflözen durchzogen. Genaue Bohrungen haben den Beweis für das Vorkommen dieser Bodenschätze erbracht. Bereits in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts befaßten sich die Bewohner des Dorfes mit der Gewinnung von Braunkohle. Entgegen der Jetztzeit befanden sich damals die Stollen und Förderschächte mitten im Dorf. Jede mit einem Namen bezeichnet. Unter der Chaussee kann man noch heute Erdsenkungen feststellen, die durch das Unterhöhlen der Erde hervorgerufen wurden. Auf der deutschen Generalstabskarte ist auf dem so genannten Rolappen, einem Stück Land mitten im Dorf, auch eine Braunkohlengrube eingezeichnet.
Seit dem Jahre 1910 war das Werk außerhalb des Dorfes verlegt worden. Natürlich kann man die technische Anlage mit der eines modernen Grubenbetriebes nicht vergleichen. Zwei Öffnungen führten in die Erde, ein so genannter Fahrschacht und ein Förderschacht. In dem Fahrschacht, der viereckig angelegt war und ungefähr 2 Meter mal 2,50 Meter Arbeitsraum umschloß, waren Leitern aufgestellt, die auf Podesten, so genannten Ruhebühnen standen und bis zu einer Tiefe von 50 Meter hinuntergingen, dieser Schacht diente zur Einfahrt. Der Stollen wurde bis zu 400 Meter vorgetrieben, war ungefähr zwei Meter hoch, in gewissen Abständen unterbrochen von Erhöhungen der Decke, um den Arbeitern an dieser Stelle die Möglichkeit zur Aufrechthaltung des Körpers zu geben, und wenige Meter breit. In den Stollen waren Schienen gelegt, auf denen kleine Wagen, die so genannten Hunde, liefen. Die Kohlenstücke wurden von den Arbeitern mit Spitzhacken von den Flößen abgehauen, auf den Wagen geladen und bis zu dem Förderschacht gerollt.
Der Förderschacht hatte einen Querschnitt von 3 Meter mal 2,50 Meter und lief mit dem Fahrschacht parallel. In dem Förderschacht wurden zwei Kübel durch Handantrieb in den Stollen herabgelassen und mit Kohlen beladen, wieder hinaufgezogen. Ein Kübel faßte ein Hektoliter Rauminhalt.
Zwanzig Arbeiter waren durchschnittlich unter Tage tätig. Verantwortlich für ihre Sicherheit war der Obersteiger. Die Arbeiter stammten ausschließlich aus dem Dorfe Liebenow. Im Sommer, wenn der Bedarf an Kohle gering war, wurden sie als Gutsarbeiter beschäftigt. Durch den Fahrschacht wurde mit einer Luftpumpe frische Luft in den Stollen geleitet. Nahm die schlechte Luft überhand, so wurden Löcher bis zur Erdoberfläche gebohrt und über diese Luftlöcher zum Schutz ein Wetterturm gestellt. Ein größerer Unglücksfall hat sich nur im Jahre 1923 ereignet, als ein Arbeiter trotz strengen Verbotes den mit stickiger Luft angefüllten Stollen betrat und hierbei durch Vergiftung den Tod fand.
Abnehmer der Kohlen waren die umliegenden Dörfer und Ortschaften. Die Nachfrage nach den Braunkohlen war ziemlich stark, bis in den Jahren 1924/25 der Nadelwald in Liebenow und Umgebung durch Raupenfraß zerstört wurde, und die Besitzer gezwungen waren, die Stämme der Bäume als Brennholz zu verwenden. Hinzu traten Fragen der wirtschaftlichen Rentabilität für den Bergwerkseigentümer. Es wurden dann nur noch Kohlen für den Bedarf des Rittergutes gefördert, bis dann schließlich am 1. April die Stilllegung des Werkes erfolgte.
Heute sind die beiden Schächte zugeschüttet. Nur eine alte Bretterhütte, mit Erde überworfen, für die Arbeiter ehemals zum Aufenthalt bestimmt, ruft Erinnerungen wach an jene schwarzen Gestalten mit Spitzhacke und Grubenlampe, die sich vor der Einfahrt in den Schacht ein fröhliches „Glück auf“ zuriefen.
Der jetzige Besitzer des Rittergutes Liebenow, von Treichel, beabsichtigt unter Umständen, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse sich in Deutschland geklärt haben werden, einen neuen Schacht anzulegen und mit modernen Mitteln der Technik, es handelt sich vor allem um das Auspumpen des Grundwassers, die Förderung der Braunkohle wieder aufzunehmen. Für die Neumark dürfte dieser Bergwerksbetrieb, wenn er sich auch nur in kleinen Maßen bewegt, immerhin von erheblicher Bedeutung sein.      - ny.-