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Landsberg a.Warthe
(Gorzów Wielkopolski)
Die Gänsemast im Warthebruch
Neumärkische Zeitung   28. November 1930

Ein Besuch der Gänsemästerei in Dechsel.
Wer schätzt nicht den Leckerbissen einer schön braun und knusprig gebratenen Gans, wenn dieser Vogel in voller Größe bei der Mittagstafel aufgetragen wird! Vater schmunzelt zufrieden, Mutter lächelt triumphierend ob dieses Erwerbes trotz der Ebbe in der Wirtschaftskasse und die Kinder binden sich voller Eifer und Erwartung ihre Mundtücher um den Hals. Gerade jetzt, in der Zeit vor Weihnachten, wird der Martinsvogel, gut ernährt und gemästet, gerne von den Hausfrauen und Besitzern von Eßlokalen gekauft und verwertet.
Die letzten drei Monate im Jahr bedeutet die Hauptsaison für die Gänsemästereien. Die größten Betriebe in Deutschland, zum Mästen der Gänse haben wir im Oder- und Warthebruch, nicht weit von unserer Heimatstadt entfernt. Wir wollen nun einmal einen derartigen mittleren Betrieb in Dechsel besuchen:
Wanderer! Kommst du nach Dechsel, verkündet dir ein lautes Geschrei, daß die Nachkommen der braven Gänse, die einst im alten Rom das Kapitol retteten, nicht an Wachsamkeit und durchdringenden Stimme verloren haben. Von allen Seiten ertönt das Geschrei dieser Vögel.
35 Betriebe in Dechsel und Umgegend befassen sich mit der Gänsemast. Die Besitzer sind in der „Deutschen Mästerei - Genossenschaft“ zusammengeschlossen und arbeiten einträchtig zusammen.
Das Hauptkontigent der Gänse wird aus Polen eingeführt. Nur kleinere Mengen kommen aus Litauen. Die russischen Gänse sind in diesem Jahre fast ausgeblieben.
Die polnischen Gänse werden von Großhändlern in Polen aufgekauft und rollen in Waggons, von denen die Doppelwagen 16 Meter lang und 4 Meter breit sind und in drei übereinander konstruierten Käfigen 1600 Gänse beherbergen, über die Grenzstation Neu- Bentschen nach den Empfangsstationen. Die Fahrt, während der die Gänse nicht verpflegt werden, dauert zwei Tage. Gleich am Bahnhof in Dechsel, in der Nähe der Rampe, sind lang gestreckte Buchten angelegt. In diese werden die Tiere nach Untersuchung durch den Kreistierarzt eingetrieben, unter die Mitglieder der Genossenschaft verteilt und auf Wagen, die 250 Gänse fassen, auf den Wirtschaftshof gefahren. Auf diesem Hofe sind in langen Reihen, zwischen denen ein schmaler Gang verläuft, viereckige Einfriedungen aus Holz hergestellt. In diesen Buchten werden nun die Gänse, ungefähr 50 bis 60 Stück in einer Bucht, gemästet.
Ein ohrenbetäubender Lärm herrscht auf dem Hofe. Mit lautem Geschrei und Geschnatter wird jeder Fremde empfangen. Aufgeregt recken die Tiere die Hälse und schlagen wild mit den Flügeln. Vielleicht ahnen sie schon ihr künftiges Geschick voraus. Ungefähr 25 000 Gänse werden in einem mittleren Betrieb nun 5 bis 7 Wochen mit Hafer, Hirse und Maisschrot gemästet. In den Buchten steht ein langer Trog, in den das Futter hineingeschüttet wird. Die Behälter mit Wasser sind außerhalb angebracht. In diesen Buchten bleiben die Gänse Tag und Nacht.
Wenn die Mastzeit vorbei ist und die Tiere das Gewicht von 10 bis 13 Pfund erreicht haben, werden die Umzäunungen geöffnet und die schmucken Vögel, die meistens weiß gefiedert sind, in den Schlachtraum getrieben. Hier werden sie mit gekreuzten Flügeln in einer Reihe zu 10 bis 15 Stück mit dem Kopf nach unten an einen Haken aufgehängt und von einem Schlächter durch Halsschnitt getötet, ungefähr 500 Tiere täglich.
Dann werden die geschlachteten Gänse in den Pflückraum befördert. In der Mitte des Zimmers steht ein langer trogähnlicher Behälter, und in diesen werden von 20 Frauen die Federn der Gänse hineingerupft, die Waschfedern getrennt von den Schlachtfedern. Die Federn werden gereinigt und gedämpft und finden in Packungen zu 5 und 10 Pfund reißenden Absatz. Dieses Geschäft ruht in den Händen der Töchter des Hauses, die in weiser Voraussicht, nach ihrem eigenen Geständnis - man kann nie wissen - die besten Federn für etwaige Fälle bereits sichergestellt haben.
Die gerupften Martinsvögel kommen dann in den Kühlraum, hängen hier eine Nacht und werden dann, je nach Güte und dem äußeren Aussehen, in drei Klassen sortiert, in Kisten zu zwanzig Stück und Körbe zu zehn Stück verpackt und an die Bahn zum verladen gefahren.
Der größte Teil der Ware geht nach Berlin. Von hier aus verschicken die Großhändler die Gänse ins ganze Deutsche Reich, nach England und sogar bis nach Amerika.