Ein märkischer Bürgermeister als Königsattentäter
Neumärkische Zeitung 14. August 1931
Am Morgen des 26. Juli 1844 herrschte in Berlin ungeheure Aufregung. Auf König Friedrich Wilhelm IV. und die Königin waren Schüsse abgegeben worden. Das Königspaar wollte morgens eine Sommerreise nach Erdmannsdorf in Schlesien antreten. Der Reisewagen war bereits gepackt. Gegen 8 Uhr morgens erschienen der König und die Königin auf dem Schloßhofe, wo sich um den Reisewagen eine neugierige Menge gesammelt hatte. Als beide im Wagen Platz genommen hatten, trat plötzlich ein älterer Mann an den Wagen heran, zog eine Doppelpistole und gab zwei Schüsse auf das Königspaar ab. Einer der Schüsse drang durch den dicken Mantel des Königs, wurde durch einen Knopf in der Richtung abgelenkt, verursachte eine leichte Brustquetschung und blieb im Wagenpolster stecken. Die andere Kugel durchschlug den Hut der Königin, zerriß das Futter und blieb in der Rücklehne des Wagens stecken. Der Attentäter wurde sofort zu Boden geworfen und festgenommen. Der König ließ den Wagen vor das Schloß fahren und hielt dort geistesgegenwärtig eine kurze Ansprache, in der er dem Volke mitteilte, es möge sich nicht beunruhigen, er sei unverletzt und werde die Reise ungesäumt antreten. Über Müncheberg, Frankfurt (Oder), Crossen fuhr der König dann an diesem Tage bis Christianstadt im Kreise Sorau. Der Attentäter wurde als der ehemalige Berliner Magistratsrat und langjährige ehemalige Bürgermeister von Storkow, Tschech, festgestellt. Tschech gab an, er habe das Attentat begangen, um sich für die an ihm begangenen Ungerechtigkeiten zu rächen und bedauerte lebhaft, nicht besser getroffen zu haben. Das Attentat machte das Königspaar zu Märtyrern. Eine ungeheure Welle monarchischer Begeisterung flutete durch Preußen und machte sich in zahllosen Kundgebungen und Huldigungsadressen Luft. Die Berliner Stadtverordnetenversammlung und der Magistrat beschlossen die Absendung einer Adresse an den König, in der das Attentat bedauert wurde, das kein Berliner begangen habe, und in dem der König der unwandelbaren Treue der Bevölkerung seiner Haupt- und Residenzstadt Berlin versichert wurde. Eine Deputation der Stadt Berlin überbrachte dem König in Christianenstadt am Morgen des 27. Juli diese Kundgebung. Auch das Staatsministerium, der brandenburgische Provinziallandtag, die Landkreise, die meisten Städte, darunter Potsdam, Frankfurt (Oder), Küstrin, Landsberg, Nauen, Fürstenwalde, Brandenburg und Rathenow schickten Huldigungsadressen an den König Friedrich Wilhelm IV. Unterdessen hatte das Staatsministerium, der Polizeipräsident und das Kammergericht die Untersuchung des Mordversuches in Angriff genommen. Bürgermeister Tschech bestritt, irgendwie Verbindung mit kommunistischen oder anarchistischen Kreisen zu haben. Was hatte nun Tschech zu dem Anschlage veranlaßt? Tschech wurde am 29. April 1789 als Sohn eines Oberpredigers geboren. Er studierte in Breslau und Frankfurt (Oder) Rechtswissenschaft, war an der Regierung Frankfurt (Oder) als Referendar tätig und ging 1811 nach Berlin, wo er Assessor am Eichamt und später Magistratsrat wurde. Er heiratete eine angesehene Bürgerstochter, brachte aber durch ein luxuriöses Leben das Vermögen seiner Frau in einigen Jahren durch. Die Frau starb aus Kummer darüber. Tschech bewarb sich jetzt um Bürgermeisterstellen in der Mark und wurde 1832 zum Bürgermeister in Storkow gewählt. Er siedelte mit seiner einzigen Tochter Elisabeth, die ihm den Haushalt führte, nach Storkow über und richtete sich dort ebenfalls ein großes Haus ein. In den ersten Jahren seiner Amtsführung ging alles glatt. Dann erzürnte er sich jedoch mit den Magistratsmitgliedern, überwarf sich mit den Stadtverordneten wegen seiner selbstherrlichen Amtsführung und geriet schließlich auch mit dem Landrat in Beeskow und dem Regierungspräsidenten in schwere Konflikte. Schließlich wurde Tschech in Storkow von der gesamten Bevölkerung gemieden, und im Jahre 1841 war er endlich gezwungen, sein Amt vor Ablauf der 1844 endenden Wahlzeit zur Verfügung zu stellen. Verbittert zog er nach Berlin.
Tschech versuchte nun in Berlin Anstellung im Staatsdienste zu erhalten. Da er aber bereits über 50 Jahre alt war und außerdem die Zeugnisse des Beeskower Landrats und des Regierungspräsidenten vor einer Anstellung des unverträglichen Menschen warnten, wurden seine Gesuche abschlägig beschieden. Tschech glaubte auch in Berlin als Bürgermeister auftreten und ein großes Haus führen zu müssen. Nach zwei Jahren war sein Vermögen aufgebracht, seine Petitionen an den König waren endgültig abgelehnt worden. So reifte in ihm der Plan zu dem Attentat, das er schließlich nach zweimonatiger Vorbereitung ausführte, um sich zu rächen. Es waren keine revolutionären Ideen, sondern ein Kohlhaas- ähnliches übersteigertes Rechtsgefühl, das ihn zu der Tat trieb.
In aller Stille war die Gerichtsverhandlung gegen Tschech angesetzt worden. Das Urteil lautete, wie es gar nicht anders zu erwarten und möglich war, auf die Todesstrafe durch das Rad, wie das Strafrecht es für Attentatsversuche auf die Person des Königs vorschrieb. Tschech blieb während der Verhandlung kühl und beherrscht und lehnte jede Begnadigung ab. Die Bevölkerung dagegen hielt eine Begnadigung Tschechs für selbstverständlich. Das Todesurteil mußte vom König bestätigt werden. Nach der Ansicht weiter Teile der Bevölkerung würde die Bestätigung des Urteils durch den König den Charakter einer persönlichen Rache erhalten. Man vergaß dabei, daß der durchaus humane König Friedrich Wilhelm IV. gar nicht die Möglichkeit hatte, gegen den Willen des Kabinetts die Begnadigung auszusprechen. Das Kabinett aber und der Staatsrat lehnten die Begnadigung Tschechs ab, zumal Tschech noch nach der Urteilsverkündung geäußert hatte, es tue ihm leid, daß die Schüsse vorbeigegangen seien. Eine Konzession erreichte der König noch: Wenn Tschech irgendwie Reue über die Tat zeigen oder um Begnadigung bitten sollte, so sollte sie ihm gewährt werden. Ferner wandelte er die Strafe des Räderns in die der Hinrichtung durch das Beil um. Am 14. Dezember 1844 morgens wurde Tschech, der die Nacht mit seiner Tochter verbracht und geistlichen Beistand abgelehnt hatte, nach Spandau zur Hinrichtung geschafft. Kammergerichtspräsident von Kleist hatte vom Könige den Auftrag, mitzufahren und noch in letzter Minute einzugreifen, wenn Tschech Reue zeigen sollte. Tschech blieb indessen hartnäckig, trug festes Selbstbewußtsein zur Schau, scherzte vor der Hinrichtung und starb wie ein Mann.
Schon wenige Tage nach Tschechs Attentat erschienen zahlreiche Schriften über „das Leben und den Charakter des Bürgermeisters Tschech“. Die Buchhändler machten glänzende Geschäfte.